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Dienstag, 14. November 2017

Notizen zur Poetik (3)

Noch mehr Notizen zu (meist absichtlich komischen) Gedichten, Fragmente, aufgegebene Aufsätze, Listen, Gedichte übers Dichten usw.

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Klaus Cäsar Zehrer ist dank Das Genie, einem Blauwal von Roman, nun medial endlich so omnipräsent, wie er es schon lange zuvor mit seinem lyrischen und theoretischen Werk hätte sein sollen: Er gab mit Robert Gernhardt die »Hell und schnell«-Anthologie und die gleichlautende Reihe bei S. Fischer heraus, er verfasste eine Dissertation über die Dialektik der Satire, er klärte über die Affinität der Neuen Frankfurter Schule zum Meer auf, und er schrieb auch selbst komische Gedichte, von denen bisher nur die für Kinder veröffentlicht wurden.
Andererseits: Was heißt hier »nur«, denn da wäre nämlich etwa das von F. W. Bernstein illustrierte veritable Versepos Knut Großmut der Raubtierbändiger, das (und der) es leicht mit diversen komisch gemeinten Gedichtbänden anderer Autoren für Erwachsene aufnehmen kann. In mehrheitlich kreuzgereimten Strophen breitet Zehrer eine »Zirkusgeschichte für Kinder mit starken Nerven« aus, in der der wahnsinnige Knut Großmut erst einen investigativen Reporter (der interessanterweise wie Peter Rühmkorf aussieht) und alsbald sämtliche Menschen und Tiere des »Zirkus Schienbein« seinen Großkatzen zum Abendbrot serviert. Das wirft gewisse Probleme auf:
»Es kann so ein Betrieb nun mal
nicht richtig funktionieren,
steckt das gesamte Personal
im Bauch von wilden Tieren.«

Ein verlustreiches Happy End gibt es natürlich trotzdem, und wenn der Diogenes Verlag jetzt auch noch Zehrers gesammelte Reime unter die Leute bringen könnte, wäre die Welt um eine weitere glückliche Fügung reicher.

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Die englische Sprache ist zwar wesentlich reimfreundlicher als die deutsche, hält aber keinesfalls plenty Reime auf twenty bereit, was sich am eindrücklichsten wohl am Ende des 1. Aktes von Gilbert & Sullivans komischer Feenoper »Iolanthe« zeigt: Der junge Hirte Strephon wird von seiner Verlobten Phyllis und Mitgliedern des House of Peers, die sich wiederum nach Phyllis verzehren, dabei beobachtet, wie er von seiner Mutter getröstet wird. Weil diese jedoch eine Fee ist und Feen bekanntlich nicht altern, wird die Szenerie von den Zuschauern gründlich falsch eingeschätzt. Strephon versucht noch abzuwiegeln (»This lady's my mother!«), doch zu spät, die Politiker glauben ihm nicht und singen also:
»This gentleman is seen,
With a maid of seventeen,
A-taking of his dolce far niente;
And wonders he'd achieve,
For he asks us to believe
She's his mother — and he's nearly five-and-twenty!

Recollect yourself, I pray,
And be careful what you say —
As the ancient Romans said, festina lente.
For I really do not see
How so young a girl could be
The mother of a man of five-and-twenty.«
Die Fremdwortreime muten schon hier eigenartig an, im finalen Song des Aktes lässt Gilbert die Sänger (Peers) und Sängerinnen (Fairies) dann noch deutlicher auf den komischen Gehalt nicht-englischer Reimworte hinweisen:
Peers:
»Your powers we dauntlessly pooh-pooh:
A dire revenge will fall on you.
If you besiege
Our high prestige —«

Fairies:
»(The word »prestige« is French,
The word »prestige« is French).«

Peers:
»Your powers we dauntlessly pooh-pooh:
A dire revenge will fall on you.
Young Strephon is the kind of lout
We do not care a fig about!
We cannot say
What evils may
Result in consequence!
Our lordly style
You shall not quench
With base canaille

Fairies:
»(That word is French.)«

Peers:
»Distinction ebbs
Before a herd
Of vulgar plebs

Fairies:
»(A Latin word.)«

Peers:
»'Twould fill with joy,
And madness stark
The oι πoλλoί

Fairies:
»(A Greek remark.)«

Peers:
»One Latin word, one Greek remark,
And one that's French.«
Apropos William Schwenck Gilbert und Fremdwortreime: In »The Mountebanks«, einer seiner Opern, die er ohne den kongenialen Arthur Sullivan schrieb, finden sich diese zeitlos schönen Verse:
»Those 'days of old'
     How mad were we
          To banish!
 Thy love was told,
     Querido mi,
           In Spanish
 And timid I,
     A-flush with shame
          Elysian,
 Could only sigh,
     Dieu, comme je t'aime?
          (Parisian.)
 No matter, e'en
     Hadst thou been coined
          A Merman,
 Thou wouldst have been
     Mein lieber freund
          (That's German.)
 Thy face, a-blaze
     With loving pats,
          Felt tinglish,
 For in those days
     I loved thee— that's
          Plain English!«
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Unvollständige Liste mit unreinen Reimen von Walter Mehring:

geschultert / gepoltert
Erpresserwelt / Messerheld
München / wünschen
Schottenband / Kokottenstand
Schürzen / vierzehn
Musterung / Pappkarton
falls dir / Malzbier
Pst / Christ
Spießer / Tausendfüßler

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Julia Engelmann = Friederike Kempner + Zeit

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Der Lyrik-Boom
Variationen

I

Ich hab euch ein Gedicht
verfasst.
Das hat euch leider nicht
gepasst.


II

Umsonst ist mein Gedicht
gewesen:
Ihr habt es leider nicht
gelesen.


III

Ich werd euch kein Gedicht
mehr schmieren.
Ihr würdet's ja doch nicht
kapieren. :-(

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Throwback: Parallel zur Titanic-Humorkritik im Juli verfasste ich eine zweite Rezension zu Dorothy Parker: Denn mein Herz ist frisch gebrochen, vergaß aber, sie hier zu posten. Hiermit sei sie nachgereicht.

Jüngst und rechtzeitig zu ihrem 50. Todestag erschien im Dörlemann-Verlag der zweisprachige Band Denn mein Herz ist frisch gebrochen mit Dorothy Parkers Gedichten. Zunächst wäre positiv anzumerken, dass Parkers lyrisches Werk dadurch hierzulande leicht (wiewohl teuer) zugänglich geworden ist, nachdem in den letzten Jahrzehnten fast ausschließlich ihre Erzählungen übersetzt wurden. Die günstigere und vollständigere Alternative sind die bei Penguin Classics erschienenen Complete Poems, die naturgemäß ohne deutsche Verständnishilfe auskommen, – und viel mehr als »Verständnishilfen« sind Ulrich Blumenbachs Nachdichtungen leider nur in Ausnahmefällen (etwa in der dt. Version von »Verse for a certain dog«): Seine Versionen halten sich zwar zumeist an die strenge Form des Originals und bieten Rat bei mancher Unverständlichkeit in englischer Zunge, doch stellen den Leser bisweilen vor ganz neue Probleme: Wer ist ein Reff (as in »Da kam ein Reff gelaufen«)? Und was muss man sich vorstellen unter »Blumen, die glosen«?
Parkers Vers »And why with you, my love, my lord« (Hervorhebung von mir) wird zu »Und warum nur, mein Schatz, mein Scheich«, damit er sich auf »Gähn ich bei dir vor Stumpfsinn gleich« reimt. Aus »Will he see me fair?« macht Blumenbach »Bin ich noch sein Star?«, »Once the skies were a cloudless blue« heißt in der dt. Fassung »Früher warn Himmel blau, stabil« und »Love is a game that two can play at« bekommt bei Blumenbach eine homoerotische Azubi-Grundierung: »Und das Liebesspiel spielen zwei Gesellen.« Besonders unglücklich: »I'm one of the glamorous ladies / At whose beckoning history shook« wird zu »Ich zähl zu den glanzvollen Damen, / Die umweht der Geschichte Geruch.« Oll und modernd, oder wie?

Fast auf jeder zweiten Seite (denn links steht jeweils Parker, rechts Blumenbach) stolpere ich über irgendeine nicht ganz ideale Passage, was ich jedoch nicht allein auf den Übersetzer schieben möchte, denn Parkers bzw. komische englischsprachige Gedichte im Allgemeinen sind durch die oft ungleich kürzeren Sätze und vielfältigere Reimauswahl kaum adäquat ins Deutsche zu »schmuggeln« (Enzensberger). Und manchmal gelingen ihm auch durchaus glückliche Neuschöpfungen, »damned tomorrow« überträgt er zum Beispiel mit »Scheißmorgen«, »melancholy night« mit »mollgestimmte Nacht«.
Dass er aber u. a. »seh« auf »nie« reimt, »bin« auf »Italien« und »Vergehen« auf »Spanien«, verzeihe ich ihm nicht, zumal er sich damit auch weit von Parker entfernt, die sich in ihren Gedichten auf reine Reime beschränkt.

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Reim für schwer erziehbare Kinder

Donnerstag, 15. Juni 2017

Notizen zur Poetik (2)

Noch mehr Notizen zu (meist absichtlich komischen) Gedichten, Fragmente, aufgegebene Aufsätze, Listen, poetologische Gedichte. Weiter geht's!

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Dass immer noch kein Rühmkorf-Auswahlband mit dem unheimlich eingängigen Titel »Wahrheit – Wahnsinn – Vanitas« (Vers aus dem Gedicht »Kleines Totentänzchen«) existiert, muss empören.

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Erich Mühsam reimte Europa auf faux pas.

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So erfreulich poetische »Smash-Hits« bzw. »Lyrik-Hämmer der Saison« (Robert Gernhardt) für Verlag und Publikum auch sein mögen, dem Poeten können sie zum Nachteil gereichen; dann nämlich, wenn er den erfolgreichen Versen nichts Gleichrangiges hinterherschicken kann und in der Folge auf das eine Gedicht reduziert wird.
Ein veritabler Lyrik-Hit jedenfalls gelang dem amerikanischen Schriftsteller Gelett Burgess, der zu Beginn seiner Karriere im Jahre 1895 die Zeitschrift The Lark ins Leben rief, die immerhin 25 Ausgaben lang hielt. In der ersten Nummer erschien sein Vierzeiler »The Purple Cow«, dem er den hübschen ausführlicheren Titel »The Purple Cow's Projected Feast: / Reflections on a Mythic Beast, / Who's quite Remarkable at least« gab. Das einleuchtende Gedicht leuchtet lautet folgendermaßen:
The Purple Cow
I never saw a purple cow,
I never hope to see one;
But I can tell you, anyhow,
I'd rather see than be one.

Wem spricht dieser Paarhuferskeptizismus nicht aus dem Herzen? Das Gedicht erfreute sich entsprechend rasch großer Beliebtheit und wurde in zeitgenössische und spätere Anthologien (etwa in The Faber Book of Nonsense Verse von 1986) aufgenommen, doch alas!, dem Dichter fielen in den folgenden Jahren keine Zeilen ein, die »The Purple Cow« in Sachen Eingängigkeit übertreffen konnten. Das führte zu der etwas seltsamen Entscheidung von Burgess, die Merkverse nicht in seine erste Sammlung A gage of youth. Lyrics from The Lark and other poems (1901) aufzunehmen. Viel wichtiger ist aber seine lyrische Reaktion auf die anhaltende Popularität des Vierzeilers. In der vorletzten The Lark-Ausgabe (1897) kokettierte er:
Confession
Ah, yes, I wrote the »Purple Cow« —
I'm sorry, now, I wrote it;
But I can tell you anyhow
I'll kill you if you quote it.

Ich kann zwar die gewiss interessante Frage, ob sich die Farbe der Milka-Kuh dem Gedicht von Gelett Burgess verdankt, nicht beantworten, möchte aber noch knapp und verkürzt auf die Wirkungsgeschichte des Vierzeilers hinweisen: Carolyn Wells nämlich, die ebenfalls für The Lark schrieb und u. a. als Autorin und Herausgeberin von komischer Lyrik fungierte, konnte in ihrer Anthologie Such Nonsense! (1918) auf die Popularität des Gedichts zählen, also veröffentlichte sie nicht weniger als achtzehn Parodien der »Purple Cow« im Stile der großen englischsprachigen Dichter. Ob sie die Tonfälle von Milton, Shelley, Wordsworth usw. wirklich traf, vermag ich nicht zu beurteilen. Weil aber Edgar Allan Poes »The Raven« bekannt sein dürfte, sei hier die titellose Wiederkäuer-Version zitiert:
Open then I flung a shutter,
And, with many a flirt and flutter,
In there stepped a Purple Cow which gayly tripped around my floor.
Not the least obeisance made she,
Not a moment stopped or stayed she,
But with mien of chorus lady perched herself above my door.
On a dusty bust of Dante perched and sat above my door.

And that Purple Cow unflitting
Still is sitting – still is sitting
On that dusty bust of Dante just above my chamber door,
And her horns have all the seeming
Of a demon's that is screaming,
And the arc-light o'er her streaming
Casts her shadow on the floor.
And my soul from out that pool of Purple shadow on the floor,
Shall be lifted Nevermore!
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Zwei unsinnige, aber wohlklingende Zeilen:

Der Uzi-Verein
lud Luzifer ein.

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Der Nationalsozialist Hanns Johst (1890-1978) amtierte als Präsident der Reichsschrifttumskammer und wurde als Dichter bekannt für sein von der Nazi-Presse begeistert aufgenommenes Drama Schlageter. Seine Karriere endete 1945 verdientermaßen abrupt, Wikipedia gibt Auskunft über seinen weiteren Werdegang: »In der Bundesrepublik konnte Johst schriftstellerisch nicht mehr Fuß fassen, schrieb aber seit 1952 unter dem Pseudonym ›Odemar Oderich‹ Gedichte für die Edeka-Kundenzeitschrift Die kluge Hausfrau

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Die Reimschemata der einzelnen Strophen in Rühmkorfs Gedicht »Auf Sommers Grill« wirken wie zum Teil umgedrehtes Grillgut: abxb cddc effe ghhg ijxi. (Ist das schon Synästhesie?)

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Zwar fehlt mir ein Faible für ländliche Gotteshäuser, und Außentemperaturen über 10° sind mir grundsätzlich verhasst, doch das folgende Gedicht Detlev von Liliencrons übt mit seiner letzten Strophe einen unerklärlichen Reiz auf mich aus:
Dorfkirche im Sommer

Schläfrig singt der Küster vor,
Schläfrig singt auch die Gemeinde,
Auf der Kanzel der Pastor
Betet still für seine Feinde.

Dann die Predigt, wunderbar,
Eine Predigt ohne Gleichen.
Die Baronin weint sogar
Im Gestühl, dem wappenreichen.

Amen, Segen, Thüren weit,
Orgelton und letzter Psalter.
Durch die Sommerherrlichkeit
Schwirren Schwalben, flattern Falter.
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Noch mehr Poetry-Slam-Reime:

Mit Augenringen / von (oder zu) Tauben singen
Kattegatt / hatte satt
Boßeln / mit Friedrich dem Großen
Staubschicht / glaub's nicht
Anschein / pansch Wein
Raubzug / Ausdruck
Vielfraß / Spielspaß
Sichtschutz / Nichtsnutz

Dienstag, 6. Juni 2017

Notizen zur Poetik (1)

Notizen zu (meist absichtlich komischen) Gedichten, Fragmente, aufgegebene Aufsätze, Listen, poetologische Gedichte. Los geht's!

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In F. W. Bernsteins neuem Band »Frische Gedichte« sind auf Seite 98 folgende Verse zu lesen: »Er wacht auf, und was ist er? / Professor. Doch Goethe: Minister!« Wie bemerkenswert ist das? Ein bisschen schon. Wer nämlich gespaltenen Reimen in der komischen deutschsprachigen Lyrik nachspüren möchte, wird insgesamt nicht vielen Reimpaaren begegnen, dafür einem immer wieder, und zwar eben: »ist er / Minister«. Allein in Bernsteins Sammlung »Die Gedichte« von 2003 ist es gleich zweifach anzutreffen: »Der Vierte – Obacht, Herr Minister! / Direkt vor Ihnen! Ganz vorn! Da ist er!« sowie etwas versteckter: »Senator Radunski, der Doppelminister, / ein zwiefaches Verhängnis ist er.«

Erich Mühsam benutzte das Reimpaar doppelt, und zwar in den Varianten »ist er / Wehrminister« und »Minister / ist er«; Ringelnatz einmal (»Sehr ernste Vize, seht: da ist er! / Das ist der Unterrichtsminister«), Eugen Roth (»Jetzt endlich, an der Reihe ist er – / Da heißts: ›Der Herr muss zum Minister!‹«) und Ror Wolf dito (»Etwa beispielsweise der Minister, / der Justizminister, na, wo ist er?«); und bei Kurt Tucholsky finden sich gar drei Beispiele (die der geneigte Leser sich selbst zusammensuchen darf).
Warum? Wozu? Was finden die Dichter an diesem Reimpaar? Ist das alles nur ein Ausweichmanöver angesichts der Tatsache, dass auf Kanzler nichts reimt, dass sich auf die auf der letzten Silbe betonte Kanzlerin wenig mehr als Gewinn oder ist in reimt und dass sich Präsidenten nur unrein beschimpfen bzw. dann aber auch immerhin schänden lassen? Oder reizt sie das vorsichtige Infragestellen von Autorität, das bei »Ist er / Minister« am Zeilenende ohnehin mitschwingt und manchmal, wie von Walter Mehring, auch explizit formuliert wird: »Und kann er nichts, dann ist er / Zum mindesten Minister«?

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Gutes Zitat von Peter Rühmkorf (aus »Einfallskunde«): »Die gähnende Leere in manchen modernen Gedichten – zumal der neuen Zimperlichkeit. Lyriker, die einfach nicht kapieren wollen, dass auf so eng begrenztem Raum an jeder Stelle was los sein muss.«

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Der schönste, nein: der einzige schöne rührende Reim gelang gewiss der amerikanischen Band The Magnetic Fields in ihrem Song »The Death of Ferdinand de Saussure«:
»I met Ferdinand de Saussure
On a night like this.
On love he said, »I'm not so sure
I even know what it is.«
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Literaturkritik

Manchmal weiß der Mensch noch nicht von
Dummheit, Elend, Not und Leid.
Doch dann liest er ein Gedicht von
Erich Fried. Und weiß Bescheid.

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Ein trochäischer Satz findet sich im Wikipedia-Artikel zum Europäischen Aal: »Aale schlüpfen im Atlantik, in der Saragossasee (in der Nähe der Bahamas).« Bzw.:
»Aale schlüpfen im Atlantik,
in der Saragossasee
(in der Nähe der Bahamas).«
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Poetry-Slam-Reime:

Schau mal: / Blauwal!
wohlfeil / Lo-fi
Leitstern / streit gern
versehentlich / auf Zehen schlich
Schlachtgewimmel / lacht der Himmel
Fafnir / Schaffner
Eiklar / Fighter
Allahu Akbar / Nachbar
Weiberheld / Cyberwelt
Hinterkaifeck / Scheißdreck

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Ich erstand auf einem Bücherflohmarkt vor mehreren Jahren aus Versehen für einen Euro das Buch »Nachts unter Sternen« (1962), das nachgelassene Texte von Ernst Emanuel Krauss versammelt (über den Wikipedia weiß, dass seine Sprüche »1935 u. a. in den Arbeitszimmern von Adolf Hitler und seinem Stellvertreter« hingen). Die Gedichte und Aphorismen sind erwartbar öde (»O goldnes Dämmerblinken / hier unter meinem Baum!«), und so haben mich nur zwei Namen bei der Lektüre wachhalten können: Krauss schrieb unter dem passenden Pseudonym Georg Stammler, das Buch wurde herausgegeben von der Wilhelm Kotzde-Kottenrodt Gemeinde (nur echt mit einem Bindestrich). Na ja, für eine Kaufempfehlung reicht das nicht.

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3 Fremdwortreime von Kurt Tucholsky:

kosten / Boston
Hotels / health
Herrentoiletten / Manhattan

Donnerstag, 2. Februar 2017

Neues zum Reimmangel (2)

Dass hochrangige Politiker und gar Staatsoberhäupter sich in der Kunst des Dichtens üben, ist – genannt seien bloß Sissi, der bayerische König Ludwig I., die japanische Prinzessin Michiko und Erwin Rommels Sohn – nicht unüblich. Lesen allerdings will man die Werke dann nur selten.
George Canning (1770-1827), langjähriger Außen- und in den letzten vier Monaten seines Lebens auch Premierminister Großbritanniens, ist eine Ausnahme, und eine Probe seiner Verskunst gibt das folgende Beispiel, in dem Canning eine ungeheuerliche Möglichkeit findet, die (trotz ihrer Bewohner (Lichtenberg! Heine! Gernhardt!)) in Fragen des Gleichklangs recht unkooperative Universitätsstadt Göttingen reimbar zu machen:
George Canning – Song

Whene’er with haggard eyes I view
   This dungeon that I’m rotting in,
I think of those companions true
   Who studied with me at the U—
           —niversity of Gottingen,—           
           —niversity of Gottingen!
(Weeps, and pulls out a blue kerchief, with which he wipes his eyes; gazing tenderly at it, he proceeds—)
Sweet kerchief, check'd with heav'nly blue,
   Which once my love sat notting in! —
Alas! Matilda then was true! —
   At least I thought so at the U—          
           —niversity of Gottingen,—
           —niversity of Gottingen.
(At the repetition of this line Rogero clanks his chains in cadence.)
Barbs! Barbs! alas! how swift you flew,
   Her neat post-wagon trotting in!
Ye bore Matilda from my view;         
   Forlorn I languished at the U—
           —niversity of Gottingen,—
           —niversity of Gottingen.

This faded form! This pallid hue!
   This blood my veins is clotting in!         
My years are many — they were few
   When first I entered at the U—
          —niversity of Gottingen,—
          —niversity of Gottingen.

There, sweet, for thee my passion grew,         
   Sweet! sweet Matilda Pottingen!
Thou wast the daughter of my tu—
   —tor, law professor at the U—
          —niversity of Gottingen,—
          —niversity of Gottingen.         

Sun, moon, and thou, vain world, adieu,
   That kings and priests are plotting in.
Here, doomed to starve on water gru—
   —el, never shall I see the U—
         —niversity of Gottingen,—
         —niversity of Gottingen.


Ob dieses Lied der 1797 von Canning gegründeten Zeitung »The Anti-Jacobin« entstammt, wann es verfasst wurde und ob es tieferen Sinn enthält, vermag ich nicht zu beurteilen; ich fand es unkommentiert in der lesenswerten Anthology of Light Verse von Louis Kronenberger.

Freitag, 13. Januar 2017

Neues zum Reimmangel

In seinen Vorlesungen »Zur Naturgeschichte des Reims und der menschlichen Anklangsnerven« beklagte sich Peter Rühmkorf einst, dass die deutsche Sprache für einige der »ordinärsten Hauptwörter (...) nicht genügend viele brauchbare Echowörter« anzubieten habe, sprich: Es reimt sich halt kaum was auf Herz, Mensch, deutsch etc.
Dieser recht unbestreitbare Umstand aber hält und hielt die Lyriker nicht davon ab, den Menschen immer wieder auf seine Reimbarkeit abzuklopfen, wie unlängst Steffen Brück auf seinem Blog bewies, wo er vier Beispiele für entsprechende Reime anführte. Ich möchte die Liste hier um einige Reimpaare ergänzen, die ich mir einmal aus höchst wissenschaftlichen Gründen notierte. (Juhu, ich habe also doch nicht völlig umsonst studiert!)

Da wäre beispielsweise ein Kniff, der mindestens zwei Dichtern (unabhängig voneinander?) einfiel, nämlich Salomo Friedlaender alias Mynona und Alexander Moszkowski. Im zweiten Gesang von Mynonas »Kopernikade« – im ersten reimte er bereits Mörder auf Herder – finden sich die Zeilen: »Dort saß ein männlicher Mensch! / Er stotterte: Wenn sch... / Wenn schon ...‹«.
Ausführlicher bedient Alexander Moszkowski sich dieses Tricks in »Mensch, reime dich!«, wenngleich der erste Reim streng genommen minimal unrein ausfällt:
Alexander Moszkowski: Mensch, reime dich!
Er hat der Laster mancherlei
Entwickelt zu allen Zeiten;
Doch dass er nicht mal reimbar sei,
   Der sogenannte Mensch,
   Das muss man doch ganz entsch...
Ja, ganz entschieden bestreiten!

Zwar mancher legt drauf keinen Wert,
Wenn er die Reimbarkeit erfährt,
Die man ihm früher unterschlagen;
   Und zeigt sie ihm der Mensch,
   So wird er bloß: nu wenn'sch...
Nu, wenn schon! wird er sagen.

Was mag sich wiederum Heinz Erhardt wohl dabei gedacht haben, als er Mensch im Gedicht »Mary und Lisa« auf Lunch reimte? Wahrscheinlich hatte er gerade Kurt Tucholsky gelesen, der nämlich bereits 1924 in »All right« auf dieselbe zweifelhafte Idee kam:
»Tausend englische Gentlemen nehmen wieder in Ruhe ihr Breakfast und ihren Lunch, / denn es hat sich ausgemacdonaldt – gefallen ist endlich der ekelhafte Mensch...«.
Solche schiefen Fremdwortreime finden sich bei Tucholsky übrigens häufiger, zu nennen wären unter anderem »hereingeredet / Credit«, »Privileg / Steak« oder das bei klischeehafter deutscher Aussprache eigentlich ziemlich akzeptable Reimpaar »Hotels / health«.

Neben Lunch bot Tucholsky noch einen weiteren vermeintlichen Gleichklang auf; er bemühte die nicht eben reimverdächtige polnische Stadt Zbąszyń, die den deutschen Namen Bentschen trug (was wiederum an Rühmkorfs »... sind die Gottfried Bennschen« erinnert): 
»Und zunächst in der Neumark, in der Nähe von Bentschen, / landet er. ›Himmel, was sind das für Menschen!« (»Der alte Fontane«, 1918). Weil ihm dieses Spiel offenbar so gut gefiel, wiederholte er es 1927 in »Der Rhein und Deutschlands Stämme« einfach:  
»Wer Lieder für Operetten schreibt 
aus Prag, aus Wien und aus Bentschen –: 
den Rhein möcht' ich sehn, der da ungereimt bleibt – 
es sind halt geschickte Menschen!«

Erich Mühsam schließlich umging das Problem des direkten Reims auf die Menschen geschickt, indem er sie in seinem Ghasel mit dem abgefahrenen Titel »Ghasel« zwar Teil der gleitenden, mitunter gespaltenen Reime sein lässt; selbst aber müssen die Menschen wenig zum Gleichklang beitragen, da dieser jeweils wesentlich von den vorherigen Silben bedingt wird:
Euer Schicksal sind stets eure Taten, Menschen!
Will des Schaffens Glück euch nicht geraten, Menschen,
klagt euch selber nur der Unterlassung an.
Schwer von Brotfrucht prangten eure Saaten, Menschen.
Doch die Friedensarbeit ließ euch unbeglückt,
und aus freien Brüdern wurden Staatenmenschen.

Na, usw. Dass es noch weitere weitgehend unreimbare Wörter (und kreative Auswege) gibt, mag das abschließende Beispiel aus Mühsams Gedicht »Angriff!«, das Goebbels und dessen Zeitung verspottet, belegen:
Doch aus Furcht und Hoffnung in die Hose f-
-iel sein nationales Herz, o Graus!
Und infolgedessen sieht der Josef
wirklich ziemlich angegriffen aus.

Montag, 17. Oktober 2016

Tröstliches zum Reimmangel

Frage: Was reimt sich auf (beispielsweise) Liebe? Antwort: zu wenig.
Immerhin stellt auch die wesentlich reimfreundlichere englische Sprache ihre Dichter vor gewisse Probleme, wie Harry Graham in seinem 1924 erschienenen Band The world we laugh in berichtet:

Harry Graham: Love's Handicap
From the earliest days,
Ev'ry writer of lays
   Has delighted to sing about Passion;
But of rhymes there's a dearth
For the Briton by birth
   Who would follow this popular fashion.
For though Love is a theme
That we poets esteem
   As unrivalled, immortal, sublime too,
'Tis a word that the bard
Finds it daily more hard
   To discover a suitable rhyme to!
For one can't always mention the "stars up above,"
Ev'ry time that one talks about Love!

When the French troubadour
Wants to sing of l'amour
   No such lyrical fetters restrain him;
And when making la cour
To his mistress, chaqu' jour,
   There's no famine of rhyme to detain him.
He'll describe, sans détours,
How as soft as velours
   Is her hand, and her voice like a fiddle;
How they ate petits fours
Till she cried: "Au secours!"
   When his arm went autour of her middle!
And there's no need for him to refer to her "glove,"
Just because he's discoursing on Love!

The Venetian signor
Who discusses l'amor'
   To his lady-love's balcony climbing,
As he presses her fior'
To his bosom (al' cuor')
   Has no trouble at all about rhyming!
When with frenzied furor'
And such fervent calor'
   He suggests her becoming his sposa,
What for him does the trick
Is that rhymes are as thick
   As the leaves upon fair Vallombrosa;
And he never need liken his dear to a "dove,"
Ev'ry time that he sings about Love!

'Tis the absence of rhymes
That inclines me, at times,
   To renounce any mention of Cupid,
And, instead, to write odes
To (say) skylarks or toads,
   Though it may seem faint-hearted or stupid.
For it's easy to sing
Of the sunshine or Spring,
   And of Pan (or some mythical person),
But to find a fresh rhyme
For the Passion sublime
   That we bards are supposed to write verse on –
Well, I'm tempted to give the whole question "the shove"
And to sing no more songs about Love!