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Samstag, 29. Juli 2023

Wenn die Möwe nicht mehr kann

Wenn die Möwe nicht mehr kann,
fängt sie schlimm zu schwanken an.
Ihre Flügel werden schwer
und sie weiß nicht mehr: woher

und sie weiß nicht mehr: wohin,
und das hätt auch keinen Sinn,
da sie den geplanten Stopp
nie erreichen wird. Und ob

sie von ihrem Schicksal ahnt?,
einer Vogelgottheit grollt?,
oder Abschiedsworte plant?,
oder einfach hilflos schmollt?

Oder lächelt sie zum Schluss,
weil sie nie mehr voll Verdruss
fucking Fische fressen muss?

Mittwoch, 28. Juni 2023

Gebrauchsanweisung

In den Tannen sollst du wohnen,
an den Grannen sollst du lecken,
die Tyrannen sollst du schonen
und in Wannen dich verstecken.

Aus der Masse sollst du ragen,
in der Klasse sollst du gähnen,
an der Brasse sollst du nagen
und Melasse nie erwähnen.

Vor Genüssen sollst du fliehen,
aus den Flüssen sollst du twittern,
Blutergüssen dich entziehen
und beim Küssen hektisch zittern.

Jede Kette sollst du schneiden
und Sonette dringend meiden.

Dienstag, 6. September 2022

Anderswo (25)

Bei Reclam erscheint heute die Anthologie Lichtblicke. Gedichte, die Hoffnung machen, hrsg. von Anton G. Leitner. Von mir ist das Sonett Die Entführung enthalten.

Dienstag, 16. August 2022

Es ist zu warm zum Dichten

Mied Wunschtraums Zitze
Sandwich stürzt um: Mieze
Mitmische Wunderzusatz
Media-Umsturz, schwitzen

März. Stichwunde zumeist
Immerzu Schwatz-Studien
Muschis Zimt wanderte zu
Mund musizierte Schwatz

Im Wurmstiche Zündsätze
Museum schnitzt Zweirad
Achim duzte, Sims würzten

Urzustand: wetze mimisch
Züchte mir Ass-Mund-Witze
AI im Schmutz zeternd usw.


Mit Hilfe von ingesanagram.com

Mittwoch, 22. Juni 2022

Dies ist ein Sonett für alle

Dies ist ein Sonett für alle,
die keine Sonette mögen.
Es ist besser bekömmlich
als die meisten gut bekömmlichen Speisen,

es ist kürzer als die meisten Romane, 
es ist länger als die meisten Haikus,
es ist wendiger als die meisten Feldkaninchen,
es ist anschaulicher als die meisten Gemälde.

Fast alle Zeilen dieses Sonetts
sind durchdacht, erhellend und aufrichtig.
Nur diese nicht.

Jetzt fehlen noch drei Verse, 
aber den meisten, die keine Sonette mögen, 
fiele das nicht auf.

Dienstag, 31. Mai 2022

Anderswo (23)

Für die Juni-Ausgabe der Titanic habe ich dem sehr großen und sehr deutschen Dichter Uwe T. aus D. zugehört und seine Klagen in ein Sonett gegossen.

Mittwoch, 20. April 2022

Pro Wespen

            »If all things have a purpose,
            What on earth can wasps be for?«
            – Pam Ayres, The Wasp He Is a Nasty One

Man kann mit ihnen ordentlich jonglieren.
Mit Tennisbällen geht’s noch besser, ja,
doch hat man grade keine Bälle da,
dann wirft man lieber mit so kleinen Tieren

und nicht mit Hammerhaien, beispielsweise;
der Artenschutz erschwert das außerdem,
auch die Beschaffung wär wohl ein Problem.
Doch Wespen gibt’s genug und sie sind leise,

wenn sie dann doch einmal zu Boden sinken:
Sie schütteln sich nur kurz und surren weg
und fangen nicht nach kurzem an zu stinken

und hinterlassen dabei keinen Fleck
und brauchen kein spezifisches Gewässer.
Doch Tennisbälle sind wahrscheinlich besser.

Montag, 14. März 2022

Selbsttest-Sonett

Die Nase ist ein kleines bisschen dicht:
Wie dicht darf diese Nase höchstens sein,
bis meine Ärztin von Erkältung spricht?
Jetzt kratzt der, oder bild ich mir das ein?,

jetzt kratzt der Hals. Kann das der Pollenflug
im März bewirken? Tat er’s je zuvor?
Ist es zu warm bei mir? Herrscht zu viel Zug?
Und woher kommt der Druck im linken Ohr?

Ist dieser Leberfleck ein Karzinom?
(Halt, darum geht’s hier nicht.) Am Morgen schlief
mein Fuß kurz ein. Gilt das schon als Symptom?

So, Viertelstunde rum, und: negativ. –
Das hoffnungslose Hirn des Hypochonders,
es nervt in Pandemiezeiten besonders.

Dienstag, 8. Februar 2022

Echt?

Schläft ein Lied in allen Dingen?
Schwer zu sagen. Eher nein.
Klar, man kann vom Ringen singen,
von der Pein mit Raucherbein

und vom Wringen und vom Swingen
und vom schönen Liechtenstein.
Aber wird der Sang gelingen?
Soll er nicht erhaben sein

und nur Würdiges behandeln,
wie die Liebe und so Kram,
statt den Kanon zu verschandeln?

Poesie ist wundersam,
tiefstes Schwarz und hellstes Licht!
Bestes Beispiel: dies Gedicht.

Freitag, 31. Juli 2020

Kriminalsonett: Die Ermittlung

Der Kommissar sitzt sinnend im Büro.
Er streicht die Falten glatt auf seinem Hemd:
Schon wieder wurd ein Torso angeschwemmt,
und er erfuhr's erneut per Radio.


Die Kinder, die ihn fanden, riefen: »Oh!«
und: »Ah!« und: »Ihh!« (der Tod war ihnen fremd).
Er will's notiern. Sein Kugelschreiber klemmt.
Die Welt ist roh. Sie war schon immer so.


Zurück zum Toten. Denn wer trennte all
die Glieder ab? Womit? Und wo? Und wie?
Der Kommissar bemüht die Phantasie,


verzweifelt immer schlimmer an dem Fall. –
Wir lassen ihn deswegen nun in Ruh.


          *               *               *

Doch später errät er den Täter. Juhu!

Sonntag, 22. März 2020

Anderswo (13)

Ich habe für die sehr gute Nürnberger Radiosendung Greisenfart & Speisendarts Eisenbart & Meisendraht ein Traumsonett geschrieben und eingelesen.

Sonntag, 1. März 2020

2x Jump 'n' Run

I

Aus der Sicht eines Noobs

Ein schlimmer Schreck,
laut ruft man: »Nein!« –
Prinzessin weg!
Sie zu befrein

soll nun der Zweck
des Spieles sein:
Ab ins Versteck
beim Endboss rein!

Man rennt herum,
doch ist zu dumm
und stirbt halt nur

in einer Tour...
Controller wech,
da hat sie Pech.



II

Aus der Sicht keines Noobs

Wohin man tritt:
Der Gegner grollt,
denn jeder Schritt
wird gleich zu Gold.

Man springt sehr fit,
man trollt und tollt;
bald kommt ein Schnitt,
der Abspann rollt.

Ein Level noch.
Der Boss wird bleich ...,
und ist passé.

Ach, wäre doch
der Alltag gleich-
falls in 2D!

Mittwoch, 15. Januar 2020

RIP Schwertstör

Womöglich findet man in ein paar Jahren
auf einem Fischmarkt irgendwo am Fluss
nebst irgendwelchen andern nassen Waren
ein Exemplar, von dem es heißt: Er muss

in trüben Tiefen sich trotz zig Gefahren
noch tümmeln. Yeah, kein Schwertstör-Exitus!
Man ist sich allerdings nicht ganz im Klaren
und fürchtet, dennoch sei für ihn bald Schluss.

Man unternimmt deswegen Exkursionen
und saust den Jangtse schwimmberingt entlang
und hofft, er möge hier noch immer wohnen,

und betet bang und bringt dann hinterm Tang
fünfhunderttausend Störe jäh ans Licht.
Na ja, vermutlich nicht.

Sonntag, 5. Mai 2019

Goethe in der Campagna

Goethe in der Campagna
 
Er streckt das längste linke Bein der Welt.
Das fällt auf Stein. Er hockt allein im Hain.
Die Reime flossen heut schon wie der Wein.
Der Wein floss schon beim Frühstück reichlich: Hält

auf Dauer keiner aus. Der Reflux prellt
ihn um Kaffee und Kuchen: sehr gemein.
Stier starrt er vor sich hin. Da fällt ihm ein:
Hab ich den Herd in Weimar ausgestellt?

Er ist seit Wochen fort. Was also tun?
Die Küche neben Annas Bücherei,
das gäb wohl eine hübsche Glut. Jedoch:

In Deutschland brennen keine Bücher! Nun
erhebt er sich, seufzt: Nichtstun ist vorbei.
Ein Drama schafft er heute Abend noch.

Freitag, 31. August 2018

Depressives Morgenlied

Depressives Morgenlied

Der Tag beginnt:
Ade, oh Nacht!
Die Vögel sind
schon aufgewacht.

Der Wind weht sacht,
ja: lind. Und in d-
er Ferne lacht
ein Kind.

Das Dunkel weicht,
denn wärmend streicht
der Sonnenschein

durch frühe Ruh
zum Fenster rein: –
Doch ach!, wozu?

Donnerstag, 31. Mai 2018

Hilferuf

Hilferuf

Der Dichter spricht,
lauscht konzentriert!
»Wer ein Gedicht
schreibt, der verliert

die Übersicht
und manövriert
nur schlicht und nicht
sehr routiniert. –

So irr ich blind
durchs Labyrinth
des Strophenbaus

und rufe aus:
Ich fürcht, ich find
hier nicht mehr raus, ich will nach Haus zu Frau und Kind!«

Montag, 2. April 2018

Erinnerung/Lob der Müdigkeit

Erinnerung/Lob der Müdigkeit

 

Als einst die ersten UFOs erdwärts schwebten,
lag ich im Bett und ahnte nichts davon.
Ich träumte bloß vom Promi-Biathlon,
und spürte nicht, dass alle Straßen bebten.

Die Hauptstadt hieß zu dieser Zeit noch Bonn,
und manche, die inzwischen tot sind, lebten.
Die Gliederfüßer an der Decke webten.
Ein grüner Strahl zerstob das Pentagon.

Ich schreckte auf, doch schlief schon wieder ein.
Die Marsianer schossen tausendmal,
und viele abgegebne Schüsse trafen.

In fernen Häusern mochten Menschen schrein.
(Ich hörte nichts.) Und komme zur Moral:
Am Ende aller Tage soll man schlafen.

Donnerstag, 1. Juni 2017

Juni-Sonett

Juni-Sonett

Mir fällt nicht furchtbar viel zum Juni ein:
Ich weiß, dass er durchaus nicht wie der Mai ist,
und dass, sobald er nicht mehr an der Reih ist,
der Juli folgt. War das erschöpfend? Nein?

Na gut, dann diese Fakten hinterdrein:
Es stimmt, dass man im Juni schwitzt und high ist,
und grillend warmes Bier erbricht, das frei ist
von Alkohol. Dann greift man kühn zum Wein,

und bald zum Wodka, den man rasch bereut.
Man ist sich schließlich selbst so wenig wert,
dass man den fetten Wurstsalat mit Ei isst.

Man kotzt vor Scham und Salmonelln erneut,
kurz: Klasse, wenn der Juni uns beehrt,
doch umso schöner, wenn der Scheiß vorbei ist.

Dienstag, 11. April 2017

Zwischenbilanz

Zwischenbilanz

Ich habe Nietzsche leider nie verstanden,
und jeder Satz von Kant klingt mir zu klug.
Von Platon hatte ich schon früh genug,
und Spengler kann erst recht nicht bei mir landen.

Bloch schrieb ein Deutsch, das ich nie ganz ertrug.
Marcuses Schriften kamen mir abhanden.
An Marx und Engels trau ich mich nicht ran, denn
ich läs ihr Werk wohl kaum in einem Zug.

Von Weber will ich weiter nichts berichten.
Die Bücher Butlers sind zu voll und leer.
Adorno harmoniert nicht mit Gedichten.

Mein Kopf wird mir bei Schopenhauer schwer.
Auf Heidegger kann ich sehr gut verzichten.
Jetzt weiß ich keine Philosophen mehr.