Dienstag, 1. September 2020

Kurze Ballade

Der Knabe im Moor

Junge in
der Natur
klagt: »Wo bin
ich denn nur?«
  
Eulen schrein,
Kälte klirrt,
Geister ... – Nein,
das hier wird
  
ihm zu bunt.
Er ist klug,
flüchtet, und
da der Spuk
  
ihn im Trab
dann verlor,
spricht der Knab:
»Nevermoor!«

Mittwoch, 12. August 2020

Sonett auf ein zertretenes Tier

O Schnake! Du hast viele Namen: Schneider
und Mückenhengst und Schuster. Tja, und wer
Insektenforscher ist, der kennt noch mehr.
Doch darum soll es hier nicht gehen: Leider
fand ich dich heut im Treppenhause recht
beschädigt vor und höchstens halb am Leben;
dein Körper auf der letzten Stufe neben
den abgetrennten Gliedern. Das war schlecht

und tat mir leid. Ich schloss die Wohnung auf
und griff mit meinen noch intakten Händen
zum Staubsauger, um dich nun endlich rauf
ins Schnaken-/Schneider-Paradies zu senden.
Da bist du, vom Gebläse angezogen,
zum ersten Male flügellos geflogen.

Sonntag, 9. August 2020

Gedicht gegen Naturdokumentationen

Ich bin die ganzen Dokus leid
mit all den armen Tieren,
die, für die Frühlingszeit bereit,
im kalten März erfrieren,

die, weil ihr Wald in Flammen steht,
verdursten und verbrennen,
die, weil der Weg nicht weitergeht,
umsonst gen Süden rennen,

die, wegen Rohöl taub und blind,
durch Plastikmeere treiben,
die, weil sie furchtbar hässlich sind,
halt ohne Partner bleiben,

die, jung und süß und leider dumm,
dem Feind entgegenhinken,
die, alt und schwach und leidend, stumm
in Richtung Boden sinken,

die, kurz: trotz ihrer Niedlichkeit
am Schluss nicht triumphieren.
Ich bin die ganzen Dokus leid
mit all den armen Tieren.

Samstag, 1. August 2020

Grabrede auf einen Corona-Leugner

Er liebte Trump und Ken und Q
und Don Alphonsos Zeilen,
und musste das halt immerzu
auf Facebook mit uns teilen.

Ihn schreckte Drostens Tyrannei,
was warn da ein paar Viren?
Kühn trug er Mund und Nase frei
und ging so demonstrieren.

Er hat sich mutig widersetzt,
das Risiko schien nichtig. –
Er lag so häufig falsch und jetzt,
jetzt liegt er erstmals richtig.


PS: Auf Facebook kursiert eine nicht von mir authorisierte Variante des Gedichts (vgl. hier), in der einige Stellen verschlechtert wurden. Außerdem fehlt am Ende ein Reim und ich höre dort auf den originellen Namen »Verfasser: unbekannt«. Diese Version bitte nicht teilen, danke.

Freitag, 31. Juli 2020

Kriminalsonett: Die Ermittlung

Der Kommissar sitzt sinnend im Büro.
Er streicht die Falten glatt auf seinem Hemd:
Schon wieder wurd ein Torso angeschwemmt,
und er erfuhr's erneut per Radio.


Die Kinder, die ihn fanden, riefen: »Oh!«
und: »Ah!« und: »Ihh!« (der Tod war ihnen fremd).
Er will's notiern. Sein Kugelschreiber klemmt.
Die Welt ist roh. Sie war schon immer so.


Zurück zum Toten. Denn wer trennte all
die Glieder ab? Womit? Und wo? Und wie?
Der Kommissar bemüht die Phantasie,


verzweifelt immer schlimmer an dem Fall. –
Wir lassen ihn deswegen nun in Ruh.


          *               *               *

Doch später errät er den Täter. Juhu!

Sonntag, 19. Juli 2020

Ein Gedicht

Was man übern Winter gern
(na gut: nicht gerne, aber doch) vergisst:
Wie schlimm das schlimmste je vom Herrn
erschaffne Wesen, die Hornisse, ist.

Sie sieht sehr krass gefährlich aus
und summt so laut wie nichts sonst auf der Welt.
Das ist ein Fakt (im Grunde zwei), der über Nikolaus
und Heiligabend allerdings entfällt.

So bin ich jedes Jahr im Juli dann erneut
ganz baff, dass mich son Helikopter sticht,
und schreibe dann, weil mir mein Therapeut
das nahelegt, darüber ein Gedicht.

Donnerstag, 25. Juni 2020

Gesponsertes Gedicht

Gesponsertes Gedicht 

Ich habe bezüglich der Schwüle
gemischte Gefühle. Und kühle
mein Mütchen bei tropischem Leid
am liebsten mit Fanta und Sprite.

Donnerstag, 18. Juni 2020

Der Historiker

Der Historiker

Er findet raus, was Bismarck las,
   wenn der sich einmal sonnte.
Er weiß, dass Südamerikas
Bevölkerung viel Gold besaß;
und auch, was Adolf Hitler aß,
   bevor er's nicht mehr konnte.

Er hält an großen Werten fest
   und liebt nur, was bemoost ist.
Er schätzt die Wirkung von Asbest,
und trennt den Müll, wenn man ihn lässt,
in Tradition und Überrest,
   weil er nicht ganz bei Trost ist.

Man findet ihn oft ungemein
   gelehrt, ja manchmal: geistreich.
Doch einst lässt er die Forschung sein:
Er bleibt daheim, verfällt dem Wein,
und fährt im Sommer an den Rhein
   und speist reich. Und vergreist reich.

Donnerstag, 4. Juni 2020

Erlebnis 2

Erlebnis 2: Wiederkehr
Wie alle Fortsetzungen mit noch schlechteren Dialogen

Aus Welten, deren Namen mir noch immer
   ein Rätsel waren, fiel am nächsten Tag
kein neues totes Wesen, nein: ein Schimmer*
durch die Gardinen in mein kleines Zimmer,
   wo ich, weil ich zu schlafen suchte, lag.

*: Statt Schimmer ging auch Flimmer oder Glimmer;
   die Worte sind
laut Duden synonym,               
sie klingen bloß in meinen Ohren schlimmer,   
daher verwend ich Flimmer/Glimmer nimmer.         
   Nein: Schimmer nenn ich dieses Ungetüm.            
(Im eigenen Gedicht bin ich Bestimmer.)  
 
        

Ich sah den Schimmer, da er näher schwebte:
   Er wirkte wie computeranimiert,
und zitterte mit einem Mal und bebte:
Um rauszukriegen, ob er wirklich lebte,
   besann ich mich und fragte intressiert,

woher er komme und zu welchem Ende:
   Der Schimmer schwieg (vielleicht verstand er nicht).
Ich schüttelte den Kopf und hob die Hände
aufs Fenster deutend, dass er rasch verschwände.
   Er zitterte erneut und warf mit Licht.

Der Schimmer warf mit Licht! und allerlei mir
   sehr fremden Dingen (doch primär mit Licht).
Dann sah er meinen Schrecken im Gesicht,
und wurde rot und piepste nur »Verzeih mir!«,
   als reichte das, und flog jäh fort. Ich nicht.



Für Teil 3 (Direct-to-video) ist Nicolas Cage angefragt.