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Mittwoch, 5. September 2018

Der Löwe

Der Löwe 

Übertragung von »The African Lion« von A. E. Housman

 

Wenn sehr böse Kinder durch Wüsten spaziern,
dann schnappt manch ein Löwe gern zu;
doch artigen Kindern kann gar nichts passiern,
die lässt er natürlich in Ruh.

Und beißt er versehentlich doch mal ein Stück
aus dem Körper von so einem Kind,
dann spuckt er's gleich aus, denn er schämt sich zum Glück,
und dann flieht er so schnell wie der Wind.

Ihr braucht, liebe Kinder, wenn euch einmal frech
ein Löwe begafft, nicht zu schrein,
denn er klaut euch sogar bei dem riesigsten Pech
nur den Kopf oder 'n einzelnes Bein.

Dienstag, 27. Februar 2018

Elizabeth lief in den Garten hinein

Elizabeth lief in den Garten hinein
(Übertragung von »As into the garden Elizabeth ran« von A. E. Housman (unten))

Elizabeth lief in den Garten hinein
und hörte knapp hinter sich Ann wütend schrein,
da trat sie auf irgendein Ding, welch ein Graus!,
und wie eine Kröte sah dieses Ding aus.

Es sah aus wie ne Kröte, das hat einen Grund,
denn es war eine Kröte, auf die sie trat, und
nachdem sie die Kröte betrat, fand sie, dass
das Tier nicht mehr munter schien, sondern sehr blass.

Elizabeth ließ ihren Abdruck zurück
und rannte wild weiter und hoffte aufs Glück,
und hörte, wie Ann jetzt am Tatort wohl sah
was eben geschah, denn die Kröte lag da.

Sie hörte davon, denn vom Firmament drang
ein dröhnender Schrei und ein knallender Klang,
da Ann schrecklich schnaufte nach stressigem Spurt,
und über der Kröte, oh!, ohnmächtig wurd.

Die Schuhsohle schützte Elizabeth vor
der Schwester, die so die Verfolgung verlor;
und kommt seither irgendne Zankerei auf,
dann sucht sie ne Kröte und tritt auf sie drauf.




As into the garden Elizabeth ran

As into the garden Elizabeth ran
Pursued by the just indignation of Ann,
She trod on an object that lay in her road,
She trod on an object that looked like a toad. 

It looked like a toad, and it looked so because
A toad was the actual object it was;
And after supporting Elizabeth's tread
It looked like a toad that was visibly dead. 

Elizabeth, leaving her footprint behind,
Continued her flight on the wings of the wind,
And Ann in her anger was heard to arrive
At the toad that was not any longer alive. 

She was heard to arrive, for the firmament rang
With the sound of a scream and the noise of a bang,
As her breath on the breezes she broadly bestowed
And fainted away on Elizabeth's toad. 

Elizabeth, saved by the sole of her boot,
Escaped her insensible sister's pursuit;
And if ever hereafter she irritates Ann,
She will tread on a toad if she possibly can.

Sonntag, 6. August 2017

Harry Graham (41)

Heute ein Vierzeiler aus »Ruthless Rhymes for Heartless Homes« + meine Übersetzung:

Harry Graham: Appreciation

Auntie, did you feel no pain
   Falling from that apple tree?
Will you do it, please, again?
   'Cos my friend here didn't see.

-

Würdigung

Tantchen, fühlst du keine Qual
   nach dem Sturz vom Apfelbaum?
Fall doch bitte noch einmal,
   denn mein Freund hier sah es kaum.

Donnerstag, 22. Dezember 2016

B-Seiten 2016, Teil 2

Hier geht's zu Teil 1.


I

2016 war auch das Jahr der naheliegenden, billigen Witze, die – anders als teure, demnächst abgeschaffte Geldscheine – auf der Straße lagen und von mir zu Sonetten zerdehnt wurden:

Nachruf auf den 500-Euro-Schein

500er, du Rätsel! Du Versprechen!
Du roter (oder violetter?) Stern!
Dich liebt die Welt, und mehr als einen Herrn
sah man für dich schon fremde Knochen brechen.

500er, dich haben alle gern!
Nur einer namens Draghi will dich schwächen,
dich (metaphorisch) hinterrücks erstechen:
Doch mir, oh bitte glaub das, liegt dies fern.

500er, du Rätsel (siehe oben)!
Ich komme nicht umhin, dir zu geloben:
Ich möchte ewig deinen Namen nennen.

500er, du schönster aller Scheine!
Bald trägt man dich zu Grabe, und ich weine:
Wir lernten uns doch niemals richtig kennen!


II

Das obligatorische Tiergedicht im naiven Ringelnatz-Ton:

Lied der Hausspinne

Verschont mich!, denn ich bin bloß eine kleine
Erscheinung: das Klischee des Bösewichts,
und geb's ja gerne zu: Ich hab acht Beine.
Doch dafür kann ich nichts.

Ihr liebt mich nicht, wie ihr zum Beispiel Katzen
beziehungsweise Rauhaardackel liebt.
Ihr nehmt halt hin, dass es mich gibt,
und schneidet hinter meinem Rücken Fratzen,

falls ihr nicht gleich zum Handstaubsauger greift.
Ihr seht mich an, als solle ich verschwinden
(was ihr bisweilen sogar wörtlich keift):
Wohin denn? –

Nur nächtens streif ich ohne Furcht umher,
erblick mein Schicksal vor mir. Und beklag es.
Und seufze schwer. Ich säh gern eines Tages
noch das Meer...


III

Bescheidener Beitrag zur Poetik des Limericks
Stilecht holpernd

Jeder Dichter gehört doch gepfählt,
der noch heute den Limerick wählt;
der die Reimregeln nicht kennt,
doch sein Schundwerk Gedicht nennt,
das in Vers 6 zur Pointe sich quält.
(Oder 5? Fuck, ich hab mich verzählt!)


IV

Literaturkritik

Das beste Buch von Heine ist
noch immer das der Lieder.
Es gilt dem Liebchen, die* der
Herr Dichter immer wieder
und häufig kreuzgereimt vermisst.

Der (Wortspiel!) tiefste Text von Hei-
ne übrigens ist auch dabei:
Er handelt von der Loreley.

* Lies: das


V

Ein schreckliches Kind
Übertragung von ›A terrible infant‹ von Frederick Locker-Lampson

Mein Kindermädchen namens Ann
trug mich einmal spazieren und
traf dabei einen jungen Mann,
der küsste sie auf ihren Mund:

Kein bisschen Streit war das Ergebnis!
Ich dacht: »Aha!
Das sag ich, wenn ich's kann, Mama.«

Das war mein frühestes Erlebnis.


Donnerstag, 8. Dezember 2016

Melancholie

An ...
(Übertragung von Samuel Rogers' »To ...« (unten))

Los – nenn mich töricht und so weiter;
vom Trübsinn trennst du mich doch nie.
Ich wär, selbst wenn ich's wollt, nicht heiter,
zu sehr verlockt Melancholie.

Oh, wüsstest du von dem Vergnügen,
das ich durch Seufzerei gewann,
du würdst mich nicht um das betrügen,
was sich kein König kaufen kann.



To ...

Go – you may call it madness, folly;
You shall not chase my gloom away.
There's such a charm in melancholy,
I would not, if I could, be gay.

Oh if you knew the pensive pleasure
That fills my bosom when I sigh,
You would not rob me of a treasure
Monarchs are too poor to buy.

Samstag, 7. November 2015

Übertragung der Bab Ballad ›The sailor boy to his lass‹ von William Schwenck Gilbert

Übertragung der Bab Ballad ›The sailor boy to his lass von William Schwenck Gilbert

Mich ruft die See, noch heute geh
ich los und fahr aufs Meer, Matilda!
Halt dich bereit, bald ist es Zeit:
um drei Uhr ungefähr, Matilda;
Ich weiß sehr viel, doch nicht das Ziel,
ob's nah ist oder fern, Matilda,
denn Captain Hyde ist nicht gescheit,
und spricht mit mir nicht gern, Matilda!

Ein Schwein! Allein: Ich krieg ihn klein,
und zwing ihn, coûte a coûte, Matilda!
Bin ich auch schlecht, ich hab ein Recht
auf Kenntnis unsrer route, Matilda!
Herrjemine!, ich bin ein See-
mann, ganz genau wie er, Matilda!
Und auch, was man kaum leugnen kann,
ein Mensch. Ich mach was her, Matilda!

Es tut mir leid, das führt zu weit!
Ich lieb dich wie verrückt, Matilda.
Nun hör mich an: Nimm mich zum Mann,
wenn meine Reise glückt, Matilda!
Du bist bewegt und aufgeregt,
verliebt erglüht dein Blut, Matilda.
Wärst du schon mein! Doch was heißt dein
»Dir geht es wohl zu gut!«, Matilda?

Oh, ich versteh, was ich hier seh,
auch wenn du nicht viel sagst, Matilda.
Du atmest schwer und schleichst umher,
sodass du lautlos klagst, Matilda!
Du stöhnst, verpönst, argwöhnst und höhnst,
ach, bitte lass das, ja, Matilda?
Du spottest und schürzt deinen Mund:
Aus dem presst du ein »Bah!«, Matilda.

Den Kelch hebst du, doch hör mir zu,
trink aus der Lethe nicht, Matilda!
Oft übte ich, erinnre dich,
für dich allein Verzicht, Matilda!
Bekamst du's mit, wie sehr ich litt?
Nicht alles war profan, Matilda!
Ob früh, ob spat was ich auch tat,
ich hab's für dich getan, Matilda!

Was, »keinesfalls!«? Weißt du noch, als
ich dich, doch nicht allein, Matilda,
mit einem Mann vor Zeiten an-
getroffen hab? Kann's sein, Matilda?
Du saßt (und wie!) auf seinem Knie
der Anblick tat nicht wohl, Matilda!
Du spieltest zart mit seinem Bart
ich brauchte Alkohol, Matilda!

Ich kannte ihn nicht, doch mir schien,
ich sähe Liebelei, Matilda.
Ich tobte sehr, griff zum Gewehr,
und schoss den Kerl entzwei, Matilda!
Denn ich bin hart, nicht zarter Art,
und das ist wunderbar, Matilda!
Indes: Es reut mich noch bis heut,
dass er dein Vater war, Matilda!

Ich habe oft umsonst gehofft,
mein Leben war ein Mief, Matilda;
Meist lag ich, ach!, mit Zahnweh wach,
bis ich dann endlich schlief, Matilda;
Ich hab mal fast die Bahn verpasst,
ich musste häufig friern, Matilda,
und schnitt ins Kinn, denn leider bin
ich nicht gut im Rasiern, Matilda!

Indes: Genug kein Zahn, kein Zug
so glaub mir bitte das, Matilda,
nicht karge Kost, nicht strammer Frost,
ja schwerlich irgendwas, Matilda,
tut mir so leid auf alle Zeit,
wie, dass im letzten Jahr, Matilda,
das Opfer meiner Wut grad dein
geliebter Vater war, Matilda!

So denke nur an meinen Schwur,
ich hielt bis heute Wort, Matilda:
Nie bleibe ich verschiedentlich
zu lange von dir fort, Matilda!
Nur mit viel Kraft hab ich's geschafft:
Ich brach Moral und Recht, Matilda,
war unbequem... trotz alledem
behandelst du mich schlecht, Matilda!

Denk: Einst im Boot, vor Not halbtot,
bat ich den Kapitän, Matilda,
(was nicht verfing) so rasch es ging
nach Hause abzudrehn, Matilda.
Er sah mich an und sagte dann
mit einem Mal bloß »Nee.«, Matilda!
Ich griff ihn mir (ich wollt' zu dir!),
und warf ihn in die See, Matilda!

Die ganze Crew sah dabei zu,
sie war darob entsetzt, Matilda;
Und niemand sprach mit mir danach,
das hat mich sehr verletzt, Matilda.
Man ging dann gar (ja, das ist wahr!)
so weit, dass man mich mied, Matilda!
Da rächte ich mich feierlich
mit sehr viel Zyanid, Matilda!

Den Kelch hebst du, doch hör mir zu,
trink aus der Lethe nicht, Matilda!
Oft übte ich, erinnre dich,
für dich allein Verzicht, Matilda!
Bekamst du's mit, wie sehr ich litt?
Nicht alles war profan, Matilda!
Ob früh, ob spat was ich auch tat,
ich hab's für dich getan, Matilda!