Montag, 19. Oktober 2020

Kindersonett: Der Zombie

Der Zombie ruht
am Tag. Er wacht
nur in der Nacht
und sucht nach Blut.

Er (kurz und gut)
gehört mit Macht
bespuckt, verlacht
und ausgebuht.

Der Zombie – nein,
was sag ich hier?
Das kann nicht sein –

ich korrigier
mich, denn ich mein
ja den Vampir!

Dienstag, 29. September 2020

Anderswo (16)

Für die Eisenbart & Meisendraht-Sendung zum Thema Langeweile habe ich den Film Titanic und Schillers Lied von der Glocke leicht verkürzt bedichtet und vorgelesen.

Freitag, 25. September 2020

Anderswo (15)

In der Oktoberausgabe der Titanic findet sich ein Gedicht von mir zur Cancel Culture und ihren fatalen Folgen namens »Nachruf auf einen konservativen Kolumnisten«.

Dienstag, 1. September 2020

Kurze Ballade

Der Knabe im Moor

Junge in
der Natur
klagt: »Wo bin
ich denn nur?«
  
Eulen schrein,
Kälte klirrt,
Geister ... – Nein,
das hier wird
  
ihm zu bunt.
Er ist klug,
flüchtet, und
da der Spuk
  
ihn im Trab
dann verlor,
spricht der Knab:
»Nevermoor!«

Mittwoch, 12. August 2020

Sonett auf ein zertretenes Tier

O Schnake! Du hast viele Namen: Schneider
und Mückenhengst und Schuster. Tja, und wer
Insektenforscher ist, der kennt noch mehr.
Doch darum soll es hier nicht gehen: Leider
fand ich dich heut im Treppenhause recht
beschädigt vor und höchstens halb am Leben;
dein Körper auf der letzten Stufe neben
den abgetrennten Gliedern. Das war schlecht

und tat mir leid. Ich schloss die Wohnung auf
und griff mit meinen noch intakten Händen
zum Staubsauger, um dich nun endlich rauf
ins Schnaken-/Schneider-Paradies zu senden.
Da bist du, vom Gebläse angezogen,
zum ersten Male flügellos geflogen.

Sonntag, 9. August 2020

Gedicht gegen Naturdokumentationen

Ich bin die ganzen Dokus leid
mit all den armen Tieren,
die, für die Frühlingszeit bereit,
im kalten März erfrieren,

die, weil ihr Wald in Flammen steht,
verdursten und verbrennen,
die, weil der Weg nicht weitergeht,
umsonst gen Süden rennen,

die, wegen Rohöl taub und blind,
durch Plastikmeere treiben,
die, weil sie furchtbar hässlich sind,
halt ohne Partner bleiben,

die, jung und süß und leider dumm,
dem Feind entgegenhinken,
die, alt und schwach und leidend, stumm
in Richtung Boden sinken,

die, kurz: trotz ihrer Niedlichkeit
am Schluss nicht triumphieren.
Ich bin die ganzen Dokus leid
mit all den armen Tieren.

Samstag, 1. August 2020

Grabrede auf einen Corona-Leugner

Er liebte Trump und Ken und Q
und Don Alphonsos Zeilen,
und musste das halt immerzu
auf Facebook mit uns teilen.

Ihn schreckte Drostens Tyrannei,
was warn da ein paar Viren?
Kühn trug er Mund und Nase frei
und ging so demonstrieren.

Er hat sich mutig widersetzt,
das Risiko schien nichtig. –
Er lag so häufig falsch und jetzt,
jetzt liegt er erstmals richtig.


PS: Auf Facebook kursiert eine nicht von mir authorisierte Variante des Gedichts (vgl. hier), in der einige Stellen verschlechtert wurden. Außerdem fehlt am Ende ein Reim und ich höre dort auf den originellen Namen »Verfasser: unbekannt«. Diese Version bitte nicht teilen, danke.

Freitag, 31. Juli 2020

Kriminalsonett: Die Ermittlung

Der Kommissar sitzt sinnend im Büro.
Er streicht die Falten glatt auf seinem Hemd:
Schon wieder wurd ein Torso angeschwemmt,
und er erfuhr's erneut per Radio.


Die Kinder, die ihn fanden, riefen: »Oh!«
und: »Ah!« und: »Ihh!« (der Tod war ihnen fremd).
Er will's notiern. Sein Kugelschreiber klemmt.
Die Welt ist roh. Sie war schon immer so.


Zurück zum Toten. Denn wer trennte all
die Glieder ab? Womit? Und wo? Und wie?
Der Kommissar bemüht die Phantasie,


verzweifelt immer schlimmer an dem Fall. –
Wir lassen ihn deswegen nun in Ruh.


          *               *               *

Doch später errät er den Täter. Juhu!

Sonntag, 19. Juli 2020

Ein Gedicht

Was man übern Winter gern
(na gut: nicht gerne, aber doch) vergisst:
Wie schlimm das schlimmste je vom Herrn
erschaffne Wesen, die Hornisse, ist.

Sie sieht sehr krass gefährlich aus
und summt so laut wie nichts sonst auf der Welt.
Das ist ein Fakt (im Grunde zwei), der über Nikolaus
und Heiligabend allerdings entfällt.

So bin ich jedes Jahr im Juli dann erneut
ganz baff, dass mich son Helikopter sticht,
und schreibe dann, weil mir mein Therapeut
das nahelegt, darüber ein Gedicht.

Donnerstag, 25. Juni 2020

Gesponsertes Gedicht

Gesponsertes Gedicht 

Ich habe bezüglich der Schwüle
gemischte Gefühle. Und kühle
mein Mütchen bei tropischem Leid
am liebsten mit Fanta und Sprite.

Donnerstag, 18. Juni 2020

Der Historiker

Der Historiker

Er findet raus, was Bismarck las,
   wenn der sich einmal sonnte.
Er weiß, dass Südamerikas
Bevölkerung viel Gold besaß;
und auch, was Adolf Hitler aß,
   bevor er's nicht mehr konnte.

Er hält an großen Werten fest
   und liebt nur, was bemoost ist.
Er schätzt die Wirkung von Asbest,
und trennt den Müll, wenn man ihn lässt,
in Tradition und Überrest,
   weil er nicht ganz bei Trost ist.

Man findet ihn oft ungemein
   gelehrt, ja manchmal: geistreich.
Doch einst lässt er die Forschung sein:
Er bleibt daheim, verfällt dem Wein,
und fährt im Sommer an den Rhein
   und speist reich. Und vergreist reich.

Donnerstag, 4. Juni 2020

Erlebnis 2

Erlebnis 2: Wiederkehr
Wie alle Fortsetzungen mit noch schlechteren Dialogen

Aus Welten, deren Namen mir noch immer
   ein Rätsel waren, fiel am nächsten Tag
kein neues totes Wesen, nein: ein Schimmer*
durch die Gardinen in mein kleines Zimmer,
   wo ich, weil ich zu schlafen suchte, lag.

*: Statt Schimmer ging auch Flimmer oder Glimmer;
   die Worte sind
laut Duden synonym,               
sie klingen bloß in meinen Ohren schlimmer,   
daher verwend ich Flimmer/Glimmer nimmer.         
   Nein: Schimmer nenn ich dieses Ungetüm.            
(Im eigenen Gedicht bin ich Bestimmer.)  
 
        

Ich sah den Schimmer, da er näher schwebte:
   Er wirkte wie computeranimiert,
und zitterte mit einem Mal und bebte:
Um rauszukriegen, ob er wirklich lebte,
   besann ich mich und fragte intressiert,

woher er komme und zu welchem Ende:
   Der Schimmer schwieg (vielleicht verstand er nicht).
Ich schüttelte den Kopf und hob die Hände
aufs Fenster deutend, dass er rasch verschwände.
   Er zitterte erneut und warf mit Licht.

Der Schimmer warf mit Licht! und allerlei mir
   sehr fremden Dingen (doch primär mit Licht).
   Dann sah er meinen Schrecken im Gesicht,
und wurde rot und piepste nur »Verzeih mir!«,
   als reichte das, und flog jäh fort. Ich nicht.



Für Teil 3 (Direct-to-video) ist Nicolas Cage angefragt.

Sonntag, 31. Mai 2020

Erlebnis

Erlebnis

Aus Welten, deren Namen ich nicht kannte
   (ich spräche sie wohl eh nicht richtig aus
(weshalb ich sie auch leichthin »Welten« nannte)),
erschien ein Raumschiff, das empfindlich brannte:
   Es brach entzwei, ein Männchen plumpste raus.

Ich schaute dem Geschöpf nur aus Versehen
   und durch das Küchenfenster zu und rief,
was man halt ruft, wenn Havarien geschehen.
Es konnte mich jedoch nicht recht verstehen,
   weil blauer Schleim aus seinen Ohren lief.

Ich rannte raus, um, was dort rang, zu retten,
   und hätte mich vor R beinah verschluckt.
Ich tupfte, was mir Blut schien, mit Servietten,
bewarf das Wesen hektisch mit Tabletten, –
   und schließlich hat es zögerlich gezuckt.

Ich wollte schon mit Erster Hilfe starten,
   da wankte es und würgte kompliziert,
und seine fünfundvierzig Beine scharrten:
Abrupt verschied das Ding in meinem Garten,
   und damit war der Abend ruiniert.

Freitag, 15. Mai 2020

Endlich wieder Bundesliga

Endlich wieder Elferschinden,
endlich wieder hoch und lang,
endlich wieder Schüsse in den
leider leeren Oberrang.

Endlich wieder Kölner Keller,
endlich wieder Fummelei,
endlich wieder Rudi Völler,
endlich wieder Stress mit Sky.

Endlich wieder Fußballlieder,
oder nicht. Sind eh nicht meins.
Dafür gibt's bald endlich wieder
einen R-Wert über 1.

Freitag, 1. Mai 2020

Mailied

Mailied (feat. Ludwig Uhland)

Die linden Lüfte sind erwacht,
die Welt vergeht vor Blumenpracht,
   und Frühlings-Hashtags trenden.
Auf Wolfsmilchwiesen stirbt Gequak:
Man weiß nicht, was noch werden mag,
   das Blühen will nicht enden.

Die Gräser wachsen hoch und dicht.
Der Mohn glüht rot. Die Birke nicht,
   sie sorgt bloß für Geflenn, denn
man niest dank ihr den ganzen Tag
und weiß nicht, was noch werden mag,
   das Blühen will nicht enden.

Auf all-, auf all-, – Moment, ich hab's:
Auf allen Feldern strahlt der Raps,
   so möchte Gott uns blenden,
weshalb ich nun rhetorisch klag:
Man weiß nicht, was noch werden mag,
   das Blühen will nicht enden.

Die Algenblüte trübt das Meer.
Es grünt und knospt und sprießt so sehr,
   dass Bäume Schatten spenden,
wo noch im März ein Gleisbett lag:
Man weiß nicht, was noch werden mag,
   das Blühen will nicht enden.

Der Klee bricht durch Asphalt und Stein:
Das Land zerfällt. Der DAX stürzt ein.
   Quo vadis, Dividenden?
Verzeihung, dass ich weiter frag:
Wer weiß bloß, was noch werden mag?,
   wann will das Blühen enden?

Vergisst man das florale Leid,
und will man dennoch seine Zeit
   in der Natur verschwenden,
dann machen Nesseln Hautausschlag,
was ich zu kritisieren wag,
indem ich es noch einmal sag:
Man weiß nicht, was noch werden mag,
   das Blühen will nicht enden!

(Man sollte einen Strafantrag
an die Gerichte in Den Haag,
   auf dass es ende, senden.)

Dienstag, 21. April 2020

Anderswo (14)

Ich habe für die Titanic zusammen mit Erich Kästner ein Gedicht über öffnungswütige Ministerpräsidenten und das Land der Küchenbauer geschrieben.

Sonntag, 19. April 2020

Abendlied

Der Strom ist ausgefallen,
aus allen Häusern hallen
Beschwerden hell und klar.
Die fetten Flatscreens schweigen
und aus dem Kühlschrank steigen
Verwesungsdüfte wunderbar.

Wie ist die Welt so stille!
Kein Ballerspiel-Gekille,
das durch die Wohnung dröhnt.
Nur bei der Störungs-Hotline
wird man von fiesen Schrott-Lai'n
blöd hingehalten und verhöhnt.

Was mag auf Facebook stehen?
Wir können es nicht sehen:
wir sind so eingeschränkt.
Kein warmes Wasser fließt mehr.
Man legt sich hin und liest mehr,
doch ist ein bisschen abgelenkt.

Erneut ruft man die Brüder
beim Stadtwerk an. Doch wieder
stehn alle auf dem Schlauch.
Ich bitt dich, Herrgott: Oh Mann,
stell endlich unsern Strom an
und den vom kranken Nachbarn auch.
Und den vom kranken Nachbarn auch.

Dienstag, 31. März 2020

Bitte

Bitte, oder: Naturwissenschaftler sind schlechte Raumausstatter, was allerdings vermutlich auch andersrum gilt


Lieber Astronom, verschone
mich mit deiner zweifelsohne
    substanziellen Expertise:
    Trotz des Chaos bleibt doch diese
Bude, die ich hier bewohne,
eine habitable Zone.

Sonntag, 22. März 2020

Anderswo (13)

Ich habe für die sehr gute Nürnberger Radiosendung Greisenfart & Speisendarts Eisenbart & Meisendraht ein Traumsonett geschrieben und eingelesen.

Mittwoch, 18. März 2020

18.03.2020

18.03.2020

Die Kanzlerin
im Fernsehn drin
sagt, Solidarität sei gut.
Die Börse fällt
und alle Welt
wirkt nicht so richtig ausgeruht.

Ich bleib im Haus.
Der Sport fällt aus.
Geschäfte sind zum Großteil zu.
Vom Pol zum Kap
wird alles knapp.
Ich lieg im Bett und seufze Puh

und döse trist
und träume Mist
und bin schon lang vor 7 wach. –
Verschlafne Zeit
wär grade weit-
aus angenehmer. Aber: ach.

Montag, 9. März 2020

Sonntag, 1. März 2020

2x Jump 'n' Run

I

Aus der Sicht eines Noobs

Ein schlimmer Schreck,
laut ruft man: »Nein!« –
Prinzessin weg!
Sie zu befrein

soll nun der Zweck
des Spieles sein:
Ab ins Versteck
beim Endboss rein!

Man rennt herum,
doch ist zu dumm
und stirbt halt nur

in einer Tour...
Controller wech,
da hat sie Pech.



II

Aus der Sicht keines Noobs

Wohin man tritt:
Der Gegner grollt,
denn jeder Schritt
wird gleich zu Gold.

Man springt sehr fit,
man trollt und tollt;
bald kommt ein Schnitt,
der Abspann rollt.

Ein Level noch.
Der Boss wird bleich ...,
und ist passé.

Ach, wäre doch
der Alltag gleich-
falls in 2D!

Sonntag, 9. Februar 2020

Augenzeugenbericht

Dann hatte sich ein Sturm ins Land geschoben.
Die Straßen brachen, Teer flog kreuz und quer.
Den Städten wehten Wälder hinterher.
Der Horizont war zum Fragment zerstoben.

Man sah, wie sich die Reihenhäuser hoben –
und Reihenhäuser heben sich nur schwer!
Zu Einschränkungen kam's im Nahverkehr:
Es herrschte nämlich Sturm (vgl. oben).

Dies also war das Ende aller Tage,
und auf den letzten Dächern freuten sich
die Meteorologen fürchterlich

an der vorhergesagten Wetterlage.
Sie tranken Sekt und aßen einen Bissen.
Dann wurden sie von Böen fortgerissen.

Mittwoch, 15. Januar 2020

RIP Schwertstör

Womöglich findet man in ein paar Jahren
auf einem Fischmarkt irgendwo am Fluss
nebst irgendwelchen andern nassen Waren
ein Exemplar, von dem es heißt: Er muss

in trüben Tiefen sich trotz zig Gefahren
noch tümmeln. Yeah, kein Schwertstör-Exitus!
Man ist sich allerdings nicht ganz im Klaren
und fürchtet, dennoch sei für ihn bald Schluss.

Man unternimmt deswegen Exkursionen
und saust den Jangtse schwimmberingt entlang
und hofft, er möge hier noch immer wohnen,

und betet bang und bringt dann hinterm Tang
fünfhunderttausend Störe jäh ans Licht.
Na ja, vermutlich nicht.