Sonntag, 31. Mai 2020

Erlebnis

Erlebnis

Aus Welten, deren Namen ich nicht kannte
   (ich spräche sie wohl eh nicht richtig aus
(weshalb ich sie auch leichthin »Welten« nannte)),
erschien ein Raumschiff, das empfindlich brannte:
   Es brach entzwei, ein Männchen plumpste raus.

Ich schaute dem Geschöpf nur aus Versehen
   und durch das Küchenfenster zu und rief,
was man halt ruft, wenn Havarien geschehen.
Es konnte mich jedoch nicht recht verstehen,
   weil blauer Schleim aus seinen Ohren lief.

Ich rannte raus, um, was dort rang, zu retten,
   und hätte mich vor R beinah verschluckt.
Ich tupfte, was mir Blut schien, mit Servietten,
bewarf das Wesen hektisch mit Tabletten, –
   und schließlich hat es zögerlich gezuckt.

Ich wollte schon mit Erster Hilfe starten,
   da wankte es und würgte kompliziert,
und seine fünfundvierzig Beine scharrten:
Abrupt verschied das Ding in meinem Garten,
   und damit war der Abend ruiniert.

Freitag, 15. Mai 2020

Endlich wieder Bundesliga

Endlich wieder Elferschinden,
endlich wieder hoch und lang,
endlich wieder Schüsse in den
leider leeren Oberrang.

Endlich wieder Kölner Keller,
endlich wieder Fummelei,
endlich wieder Rudi Völler,
endlich wieder Stress mit Sky.

Endlich wieder Fußballlieder,
oder nicht. Sind eh nicht meins.
Dafür gibt's bald endlich wieder
einen R-Wert über 1.

Freitag, 1. Mai 2020

Mailied

Mailied (feat. Ludwig Uhland)

Die linden Lüfte sind erwacht,
die Welt vergeht vor Blumenpracht,
   und Frühlings-Hashtags trenden.
Auf Wolfsmilchwiesen stirbt Gequak:
Man weiß nicht, was noch werden mag,
   das Blühen will nicht enden.

Die Gräser wachsen hoch und dicht.
Der Mohn glüht rot. Die Birke nicht,
   sie sorgt bloß für Geflenn, denn
man niest dank ihr den ganzen Tag
und weiß nicht, was noch werden mag,
   das Blühen will nicht enden.

Auf all-, auf all-, – Moment, ich hab's:
Auf allen Feldern strahlt der Raps,
   so möchte Gott uns blenden,
weshalb ich nun rhetorisch klag:
Man weiß nicht, was noch werden mag,
   das Blühen will nicht enden.

Die Algenblüte trübt das Meer.
Es grünt und knospt und sprießt so sehr,
   dass Bäume Schatten spenden,
wo noch im März ein Gleisbett lag:
Man weiß nicht, was noch werden mag,
   das Blühen will nicht enden.

Der Klee bricht durch Asphalt und Stein:
Das Land zerfällt. Der DAX stürzt ein.
   Quo vadis, Dividenden?
Verzeihung, dass ich weiter frag:
Wer weiß bloß, was noch werden mag?,
   wann will das Blühen enden?

Vergisst man das florale Leid,
und will man dennoch seine Zeit
   in der Natur verschwenden,
dann machen Nesseln Hautausschlag,
was ich zu kritisieren wag,
indem ich es noch einmal sag:
Man weiß nicht, was noch werden mag,
   das Blühen will nicht enden!

(Man sollte einen Strafantrag
an die Gerichte in Den Haag,
   auf dass es ende, senden.)

Dienstag, 21. April 2020

Anderswo (14)

Ich habe für die Titanic zusammen mit Erich Kästner ein Gedicht über öffnungswütige Ministerpräsidenten und das Land der Küchenbauer geschrieben.

Sonntag, 19. April 2020

Abendlied

Der Strom ist ausgefallen,
aus allen Häusern hallen
Beschwerden hell und klar.
Die fetten Flatscreens schweigen
und aus dem Kühlschrank steigen
Verwesungsdüfte wunderbar.

Wie ist die Welt so stille!
Kein Ballerspiel-Gekille,
das durch die Wohnung dröhnt.
Nur bei der Störungs-Hotline
wird man von fiesen Schrott-Lai'n
blöd hingehalten und verhöhnt.

Was mag auf Facebook stehen?
Wir können es nicht sehen:
wir sind so eingeschränkt.
Kein warmes Wasser fließt mehr.
Man legt sich hin und liest mehr,
doch ist ein bisschen abgelenkt.

Erneut ruft man die Brüder
beim Stadtwerk an. Doch wieder
stehn alle auf dem Schlauch.
Ich bitt dich, Herrgott: Oh Mann,
stell endlich unsern Strom an
und den vom kranken Nachbarn auch.
Und den vom kranken Nachbarn auch.

Dienstag, 31. März 2020

Bitte

Bitte, oder: Naturwissenschaftler sind schlechte Raumausstatter, was allerdings vermutlich auch andersrum gilt


Lieber Astronom, verschone
mich mit deiner zweifelsohne
    substanziellen Expertise:
    Trotz des Chaos bleibt doch diese
Bude, die ich hier bewohne,
eine habitable Zone.

Sonntag, 22. März 2020

Anderswo (13)

Ich habe für die sehr gute Nürnberger Radiosendung Greisenfart & Speisendarts Eisenbart & Meisendraht ein Traumsonett geschrieben und eingelesen.

Mittwoch, 18. März 2020

18.03.2020

18.03.2020

Die Kanzlerin
im Fernsehn drin
sagt, Solidarität sei gut.
Die Börse fällt
und alle Welt
wirkt nicht so richtig ausgeruht.

Ich bleib im Haus.
Der Sport fällt aus.
Geschäfte sind zum Großteil zu.
Vom Pol zum Kap
wird alles knapp.
Ich lieg im Bett und seufze Puh

und döse trist
und träume Mist
und bin schon lang vor 7 wach. –
Verschlafne Zeit
wär grade weit-
aus angenehmer. Aber: ach.

Montag, 9. März 2020

Sonntag, 1. März 2020

2x Jump 'n' Run

I

Aus der Sicht eines Noobs

Ein schlimmer Schreck,
laut ruft man: »Nein!« –
Prinzessin weg!
Sie zu befrein

soll nun der Zweck
des Spieles sein:
Ab ins Versteck
beim Endboss rein!

Man rennt herum,
doch ist zu dumm
und stirbt halt nur

in einer Tour...
Controller wech,
da hat sie Pech.



II

Aus der Sicht keines Noobs

Wohin man tritt:
Der Gegner grollt,
denn jeder Schritt
wird gleich zu Gold.

Man springt sehr fit,
man trollt und tollt;
bald kommt ein Schnitt,
der Abspann rollt.

Ein Level noch.
Der Boss wird bleich ...,
und ist passé.

Ach, wäre doch
der Alltag gleich-
falls in 2D!

Sonntag, 9. Februar 2020

Augenzeugenbericht

Dann hatte sich ein Sturm ins Land geschoben.
Die Straßen brachen, Teer flog kreuz und quer.
Den Städten wehten Wälder hinterher.
Der Horizont war zum Fragment zerstoben.

Man sah, wie sich die Reihenhäuser hoben –
und Reihenhäuser heben sich nur schwer!
Zu Einschränkungen kam's im Nahverkehr:
Es herrschte nämlich Sturm (vgl. oben).

Dies also war das Ende aller Tage,
und auf den letzten Dächern freuten sich
die Meteorologen fürchterlich

an der vorhergesagten Wetterlage.
Sie tranken Sekt und aßen einen Bissen.
Dann wurden sie von Böen fortgerissen.

Mittwoch, 15. Januar 2020

RIP Schwertstör

Womöglich findet man in ein paar Jahren
auf einem Fischmarkt irgendwo am Fluss
nebst irgendwelchen andern nassen Waren
ein Exemplar, von dem es heißt: Er muss

in trüben Tiefen sich trotz zig Gefahren
noch tümmeln. Yeah, kein Schwertstör-Exitus!
Man ist sich allerdings nicht ganz im Klaren
und fürchtet, dennoch sei für ihn bald Schluss.

Man unternimmt deswegen Exkursionen
und saust den Jangtse schwimmberingt entlang
und hofft, er möge hier noch immer wohnen,

und betet bang und bringt dann hinterm Tang
fünfhunderttausend Störe jäh ans Licht.
Na ja, vermutlich nicht.