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Freitag, 13. Januar 2017

Neues zum Reimmangel

In seinen Vorlesungen »Zur Naturgeschichte des Reims und der menschlichen Anklangsnerven« beklagte sich Peter Rühmkorf einst, dass die deutsche Sprache für einige der »ordinärsten Hauptwörter (...) nicht genügend viele brauchbare Echowörter« anzubieten habe, sprich: Es reimt sich halt kaum was auf Herz, Mensch, deutsch etc.
Dieser recht unbestreitbare Umstand aber hält und hielt die Lyriker nicht davon ab, den Menschen immer wieder auf seine Reimbarkeit abzuklopfen, wie unlängst Steffen Brück auf seinem Blog bewies, wo er vier Beispiele für entsprechende Reime anführte. Ich möchte die Liste hier um einige Reimpaare ergänzen, die ich mir einmal aus höchst wissenschaftlichen Gründen notierte. (Juhu, ich habe also doch nicht völlig umsonst studiert!)

Da wäre beispielsweise ein Kniff, der mindestens zwei Dichtern (unabhängig voneinander?) einfiel, nämlich Salomo Friedlaender alias Mynona und Alexander Moszkowski. Im zweiten Gesang von Mynonas »Kopernikade« – im ersten reimte er bereits Mörder auf Herder – finden sich die Zeilen: »Dort saß ein männlicher Mensch! / Er stotterte: Wenn sch... / Wenn schon ...‹«.
Ausführlicher bedient Alexander Moszkowski sich dieses Tricks in »Mensch, reime dich!«, wenngleich der erste Reim streng genommen minimal unrein ausfällt:
Alexander Moszkowski: Mensch, reime dich!
Er hat der Laster mancherlei
Entwickelt zu allen Zeiten;
Doch dass er nicht mal reimbar sei,
   Der sogenannte Mensch,
   Das muss man doch ganz entsch...
Ja, ganz entschieden bestreiten!

Zwar mancher legt drauf keinen Wert,
Wenn er die Reimbarkeit erfährt,
Die man ihm früher unterschlagen;
   Und zeigt sie ihm der Mensch,
   So wird er bloß: nu wenn'sch...
Nu, wenn schon! wird er sagen.

Was mag sich wiederum Heinz Erhardt wohl dabei gedacht haben, als er Mensch im Gedicht »Mary und Lisa« auf Lunch reimte? Wahrscheinlich hatte er gerade Kurt Tucholsky gelesen, der nämlich bereits 1924 in »All right« auf dieselbe zweifelhafte Idee kam:
»Tausend englische Gentlemen nehmen wieder in Ruhe ihr Breakfast und ihren Lunch, / denn es hat sich ausgemacdonaldt – gefallen ist endlich der ekelhafte Mensch...«.
Solche schiefen Fremdwortreime finden sich bei Tucholsky übrigens häufiger, zu nennen wären unter anderem »hereingeredet / Credit«, »Privileg / Steak« oder das bei klischeehafter deutscher Aussprache eigentlich ziemlich akzeptable Reimpaar »Hotels / health«.

Neben Lunch bot Tucholsky noch einen weiteren vermeintlichen Gleichklang auf; er bemühte die nicht eben reimverdächtige polnische Stadt Zbąszyń, die den deutschen Namen Bentschen trug (was wiederum an Rühmkorfs »... sind die Gottfried Bennschen« erinnert): 
»Und zunächst in der Neumark, in der Nähe von Bentschen, / landet er. ›Himmel, was sind das für Menschen!« (»Der alte Fontane«, 1918). Weil ihm dieses Spiel offenbar so gut gefiel, wiederholte er es 1927 in »Der Rhein und Deutschlands Stämme« einfach:  
»Wer Lieder für Operetten schreibt 
aus Prag, aus Wien und aus Bentschen –: 
den Rhein möcht' ich sehn, der da ungereimt bleibt – 
es sind halt geschickte Menschen!«

Erich Mühsam schließlich umging das Problem des direkten Reims auf die Menschen geschickt, indem er sie in seinem Ghasel mit dem abgefahrenen Titel »Ghasel« zwar Teil der gleitenden, mitunter gespaltenen Reime sein lässt; selbst aber müssen die Menschen wenig zum Gleichklang beitragen, da dieser jeweils wesentlich von den vorherigen Silben bedingt wird:
Euer Schicksal sind stets eure Taten, Menschen!
Will des Schaffens Glück euch nicht geraten, Menschen,
klagt euch selber nur der Unterlassung an.
Schwer von Brotfrucht prangten eure Saaten, Menschen.
Doch die Friedensarbeit ließ euch unbeglückt,
und aus freien Brüdern wurden Staatenmenschen.

Na, usw. Dass es noch weitere weitgehend unreimbare Wörter (und kreative Auswege) gibt, mag das abschließende Beispiel aus Mühsams Gedicht »Angriff!«, das Goebbels und dessen Zeitung verspottet, belegen:
Doch aus Furcht und Hoffnung in die Hose f-
-iel sein nationales Herz, o Graus!
Und infolgedessen sieht der Josef
wirklich ziemlich angegriffen aus.

Mittwoch, 4. Januar 2017

Mynonas »Hundert Bonbons«

Das Pseudonym Mynona ist ein Ananym von Anonym. Dieser Satz allein würde bereits einen Beitrag rechtfertigen; weil jedoch die Texte Salomo Friedlaenders, der Mynona als Künstlernamen wählte, seit einigen Tagen urheberrechtsfrei sind, folgen hier noch ein paar Zeilen vom und über den Dichter.

Salomo Friedlaender (1871-1946) war eigentlich Philosoph, seine literarischen Werke veröffentlichte er als Mynona, neben dem Roman »Graue Magie« seien vor allem seine Prosa-Grotesken (die unter anderem in einem Auswahlband mit dem hübschen Titel »Der verliebte Leichnam« versammelt sind) genannt – und eben seine Gedichte. Nach symbolistischen Anfängen erschien 1918 sein komisches Hauptwerk »Hundert Bonbons«.

Das aus Anthologien bekannteste Bonbon ist wohl das einleitende Gedicht, das wie Robert Gernhardts »Materialien zu einer Kritik der bekanntesten Gedichtform italienischen Ursprungs« sich in Sonettform vorgeblich gegen Sonette ausspricht:
Mynona: I

In alte Schläuche taugt kein neuer Wein,
Der Dichter dichte, wie zum Beispiel Whitman;
Die Seele immer neu schafft ihre Rhythmen,
Wer heut' Sonette macht, ist nur ein Schwein.

Daher auch hüt' ich mich davor, allein
Ich bin darob beruhigt, denn ich glitt, wenn
Ich's auch wollte, nicht in diesen Ritt, denn
Grad zur Sonettform sag ich immer: nein!

Ich hoppse, wie die Muskeln mir's diktieren,
Will nicht in fremde Form gezwungen sein
Und fühle mich ganz frei in meiner – meiner!

Pfui Teufel, sollt' ich je Sonette schmieren:
Ich will ich selbst in meinen Lungen sein
Und niemals atmen in Petrarkas seiner.

Natürlich steht Mynona aber sehr wohl in Petrarcas Tradition, und so folgen weitere 99 spartanisch, nein: römisch durchnummerierte Sonette, die mit zum Besten gehören, was die komische Lyrik hierzulande zu bieten hat.

Mynonas »Hundert Bonbons« triefen vor Gewalt; zunächst sticht oftmals die inhaltliche Brutalität ins Auge, doch auch auf formaler Ebene geht es wenig zimperlich zu: Während »Rhythmen« und »Whitman« aus Strophe 1 im obigen Beispiel noch passable Reime sein mögen, fallen »glitt, wenn« und »Ritt, denn« in der zweiten Strophe unrein aus, und in Vers 10 steht das passende Wort dafür: »gezwungen« sind sie, denn der Dichter erkämpft sich den Gleichklang mit aller Vehemenz.

In einem Brief aus dem Jahre 1936 weist Mynona selbst darauf hin, welche Bedeutung der Reim für ihn hatte: »Ich liebe sie (die Reime) in einer so ungereimten Welt. Sie bedeuten symbolisch, dass sie sich einmal reimen kann.« – Wenngleich dazu manchmal eben etwas Gewalt nötig ist:
Mynona: LIII

Ich stieg zu Pferde just um Mitternacht
Und ritt durch einen malitiösen Wald.
Da regt sich eine weibliche Gestalt
Im holden Zauber der Mondzitternacht.

Sie schien so weiß, als wär sie splitternackt,
Ergreift mich mit magnetischer Gewalt.
Näher jedoch besehen, war sie alt
Und im Gehirne nicht mehr ganz intakt.

Romantisch sagt sie mir: »Ich muss dich küssen!«
»Es hat noch Zeit«, erwidre ich geschwind.
»Nein,« seufzt sie, »es muss auf der Stelle sein!«

Was half's? Galant hab ich nachgeben müssen:
Stieg ab – sie auf – fort ritt sie (wie der Wind)!
Wer möchte wohl in meiner Pelle sein?

Auch in diesem Sonett sind viele Reime gewagt bis schief: »Wald« und »Gewalt« rühren, und während »splitternackt« sich mit viel gutem Willen durchaus auf »Mitternacht« reimen ließe, reimt sich wiederum »intakt« in Vers 8 bloß auf »splitternackt«... Das Empörende: Die technischen Schwächen – auch die Satzumstellungen und bisweilen unsaubere Metrik wären zu nennen – stören kaum, weil sie in den »Hundert Bonbons« meist ohnehin von den inhaltlichen Ungeheuerlichkeiten in den Schatten gestellt werden:
Mynona: XXII

Drei schöne Mädchen tanzen splitternackt
Chopin, Beethoven, Bach und Richard Strauß,
Und in dem propfenvollen Opernhaus
Klatscht bravo man, bis jeder Handschuh knackt.

Aus einer Fremdenloge (wie vertrackt!)
Schaun greise Lebemänner weit hinaus,
Sie schmeißen Lorbeerkränze (ei der Daus!),
Besonders einer fühlt sich tief gepackt.

Er schwingt sein Bein über die Logenbrüstung,
Er will zur Bühne fliegen und verliert
Sein Gleichgewicht; am Frackschoß hält man ihn,

Doch rutscht er aus des Frackes edler Rüstung, –
Er stürzt ins Publikum und ramponiert
Frau Meier tot. (Die Tänzerinnen schrie'n).

Zugegeben, nicht in allen der »Hundert Bonbons« gelingt dem Dichter die Verknappung, bisweilen verläuft sich Mynona ein wenig im Sonett und muss seine Geschichten arg kürzen, um die 14 Verse nicht zu überschreiten. Fast jedes Gedicht jedoch ist mindestens wegen irgendeines Details lesenswert, seien es etwa seltene und seltsame Reime (»Noah / Oh! Ah!«, »Orangerie / Hihi!«, »diensbeflissnen Herrchen / Alfred Kerrchen«, »irr / Brrr!«), einzelne Verse (»Zur Leiche werden, scheint nicht ideal«) oder lakonische Mord-Beschreibungen: »[Er] Macht aus dem Messner 'nen Anachronismus, / Das heißt, er boxt ihn tot«.
Mynona: XX

Der Lehrer Knille prüft die kleinen Schüler;
Wenn sie nichts können, kriegen sie die Rute.
Jähzornig wird er, schreit: »Zur Hölle spute
Sich jeder Dummkopf!« Und er streckt die Fühler

Sondierend aus von Neu'm, ein rechter Wühler:
Sie wissen gar nichts: und voll schnödem Mute
Fasst mit entsetzlich eiseskaltem Blute
Den teuflischen Entschluss (ohne Kalkül) er:

Hervor zieht er sein altes Bowiemesser
Und schneidet langsam einem nach dem andern
Der Reihe nach die Köpfchen von den Hälsen.

Sie halten still, gehorchen dem Professer,
Und ohne Kopf sie fromm nach Hause wandern –
Die Eltern (schmerzerfüllt) erstarrn zu Felsen.

Apropos: Friedlaender verfasste auch ein Büchlein namens »Kant für Kinder«, und diese Überleitung gibt mir die Gelegenheit, auf sein restliches lyrisches Werk hinzuweisen, das nämlich abgesehen von allerlei verstreuten Gedichten, Volkslied-Parodien (»Abendgrün! Abendgrün!«) und wenigen Übersetzungen eben vor allem philosophisch grundiert ist. In den letzten Jahren (er lebte seit 1933 im Pariser Exil) entstanden philosophische Sonette sowie die Langgedichte »ICH-Heliozentrum. Kopernikade in grotesken Elegien« und »Magie in Knittelversen«, die, anders als das folgende abschließende Beispiel-Bonbon, nicht recht in mein Fach fallen.
Mynona: IX

Der Anarchist bewohnt die Zitadelle.
Durch (schade!) ein gerichtliches Versehen
Erhängt man ihn (er kann ja auferstehen!).
Die Braut (am Busen eine Immortelle)

Erklimmt die Mauern, liebliche Gazelle,
(Ihr Seliger verglich sie oft den Rehen):
Elastisch, flink, auf springgelenk'gen Zehen,
Schwingt sie sich kühn in den Bezirk der Wälle.

Doch dort erreichte sie sofort die Strafe;
Man schleppt sie schonungslos ins Fraungefängnis.
Sie intrigiert; sie raubt den Festungsplan;

Hypnotisiert Jedweden einzeln: »Schlafe!«
Gewinnt das Freie; wird des Staats Verhängnis –
Heran braust ein politischer Orkan.

Mynonas »Hundert Bonbons« sind einzigartig in der deutschen komischen Lyrik, am nächsten kommen ihnen wohl die »Kriminalsonette« Friedrich Eisenlohrs, Livingstone Hahns und Ludwig Rubiners sowie vielleicht Ror Wolfs Moritate über Hans Waldmann; die exzentrischen und seltenen Reime tauchen erst wieder bei Peter Rühmkorf auf.

Doch wo und wie lassen sich die »Hundert Bonbons« in Gänze genießen?
Meines Wissens wurden sie zweimal posthum veröffentlicht, nämlich in der (unzuverlässigen) Edition »Die Lyrik Salomo Friedlaender / Mynonas: Traum, Parodie und Weltverbesserung« (1990) und in der vollständigen, aber teuren, von Hartmut Geerken und Detlef Thiel verantworteten Werkausgabe (»Lyrik«, 2014), aus deren ausführlicher Einleitung auch das oben angeführte Reimzitat stammt.
Kostenlos und digital dagegen ist der Gedichtband dank der DNB hier zu lesen.

Montag, 12. September 2016

Reich-Ranicki zum Vergnügen

Im November erscheint bei Reclam mit ›Rühmkorf zum Vergnügen‹ ein Auswahlbändchen, das ausnahmsweise seine Berechtigung hat: Nicht nur veröffentlichte der »Gigant« (Heinz Strunk) Peter Rühmkorf selbst einen Gedichtband namens ›Irdisches Vergnügen in g‹, er war auch überdies und -haupt ein Schriftsteller, bei dem die komischen Sätze nicht mit der Lupe gesucht werden müssen. Ich nehme zumindest an, dass die Herausgeber von ›Fontane zum Vergnügen‹ oder ›Marx zum Vergnügen‹ sich etwas länger durch die jeweiligen Werkausgaben zu quälen hatten, bis die reihenüblichen knapp 200 Seiten gefüllt waren.

Vermutlich wird sich nichts aus dem Rühmkorfschen Briefwechsel mit Marcel Reich-Ranicki im Reclam-Büchlein finden, was einerseits betrüblich ist, andererseits aber durch den Umstand gemildert wird, dass die gesammelte Korrespondenz immerhin im letzten Jahr bei Wallstein erschienen ist. Rühmkorf befindet sich in dem 287 Briefe langen Austausch fast durchgehend in der Defensive: Ab 1974 soll er Texte liefern für das von Reich-Ranicki betreute FAZ-Feuilleton (insbesondere für die ›Frankfurter Anthologie‹), die er zunächst auch brav verfasst. Mit der Zeit jedoch erbittet er immer neue Rezensionsexemplare, denen er keine Kritik/Interpretation folgen lässt. So weit, so Redaktionsalltag, und Rühmkorfs Briefe selbst bieten obendrein auch nur selten Anlass zum Lachen. Komisch dagegen sind die unablässigen Missverständnisse zwischen beiden und Rühmkorfs Arbeitseinstellung, die dem angehenden Literaturpapst zusehends auf die Nerven geht. Der schreibt im Oktober 1978:
»Mein lieber Peter Rühmkorf,
so geht das nicht weiter. Sie liefern nichts, kommen mit immer neuen Vorschlägen, denen wiederum immer neue Ausreden folgen. [...] Wie lange sollen wir noch warten? Warum sind Sie so faul? [...] Sie wünschten Theramé ›Die Taxifahrerin‹. Vermutlich handelt es sich um irgendeine Sauerei, die Sie inzwischen schon genossen haben, ohne an Ihrem Genuss die Leser unserer Zeitung teilnehmen zu lassen.« (S. 96)

Die Jahre vergehen, doch Rühmkorf bessert sich nicht, im Gegenteil, er treibt den Kritiker 1983 vollends zur Verzweiflung, als er sich Arno Schmidts einleitendes Gedicht aus ›Das steinerne Herz‹ zur Besprechung für die ›Frankfurter Anthologie‹ aussucht [es handelt sich um das Widmungsgedicht ›Nicht nur / die allerorten, bei jeder Gelegenheit...‹, das nur in der Erstausgabe enthalten war]. Reich-Ranicki nimmt den Vorschlag erst an, um alsbald hektisch zu widerrufen: Die Gedichte dieser Rubrik durften seinerzeit eine Länge von 30, maximal 36 Zeilen nicht überschreiten, das fragliche Werk umfasst aber beinahe 60 Verse. Rühmkorf wittert politische Gründe hinter der Zurückweisung und hält Reich-Ranicki vor, während eines Telefonats doch sogar das Buch aus dem Regel geholt sowie die Länge des Gedichts geprüft und abgenickt zu haben. Die Antwort fällt ungehalten aus:
»Und ich habe während des Gesprächs tatsächlich die Zeilen gezählt. Ich kam auf 28 Verse, und das ist ja ein für unsere ›Frankfurter Anthologie‹ zulässiger Umfang [...]. So habe ich das Gedicht, wie fast alle Ihre Vorschläge, gern akzeptiert. Ich bin nicht auf die Idee gekommen, dass das Gedicht auf der nächsten Seite noch weitergeht [...].« (S. 163)

Einen Brief später sieht Reich-Ranicki sich zum Stoßseufzer genötigt:
»Sie waren doch früher, wenn ich mich recht erinnere, ein durchaus praktischer Mensch. Hat die jahrelange Beschäftigung mit der holden Dichtkunst auf Ihren Realitätssinn einen ungünstigen Einfluss ausgeübt?« (S. 168)

Gut möglich. 1995 kommt es jedenfalls wegen geteilter Meinungen zu Günter Grass und dessen Roman ›Ein weites Feld‹ zum Bruch zwischen beiden, Reich-Ranicki schweigt betrübt über Vorwürfe des Dichters, und fünf Jahre verstreichen, bis Rühmkorf ein gereimtes Versöhnungsangebot nach Frankfurt schickt: »Gestatten einen Lungenzug / aus langer Friedenspfeife. / Fünf Jahre Fehde sind genug, / wie ich die Welt begreife.« (S. 233)
Der stolze Kritiker nimmt nur unter einer Bedingung an:
»Ich erwarte nicht, dass Sie zurücknehmen, was Sie damals verzapft haben. Nur sollten Sie jetzt etwas über meine Arbeit schreiben [...]. Kommt ein solcher ernster Artikel aus Ihrer Feder, dann will ich nicht etwa vergessen, doch immerhin verdrängen, was Sie mir angetan haben.« (S. 235)

Rühmkorf kuscht, Reich-Ranicki fühlt sich vom nämlichen Artikel »berührt und gerührt«, und doch ist die Luft raus, der Briefwechsel versiegt zusehends und endet schließlich im August 2006.
Vier Bonus-Beobachtungen: 1.) Rühmkorf schrieb in den Siebzigern Robert Gernhardts Nachnamen konsequent ohne T., Reich-Ranickis Sekretärin übernahm den Fehler nach einigen Briefen. 2.) Ich habe zwar zu Grundschulzeiten den undankbaren vierten Platz bei einem kreisweiten Plattdeutsch-Vorlesewettbewerb belegt, verstehe aber heute kaum mehr ein Wort dieser Sprache und freue mich also umso mehr über die wohldosierten Anmerkungen der Herausgeber, die so hübsche niederdeutsche Worte wie »Bönhase« (Pfuscher) oder »wurachen« (schuften), die Rühmkorf verwendet, erklären. 3.) Reich-Ranicki traute seinen Lesern die Kenntnis lyrischer Grundbegriffe nicht zu und bat Rühmkorf daher, die Termini Klinggedicht und männliche Kadenz (»Sie [die Leser] glauben wahrscheinlich, es handle sich um einen Körperteil.«) aus seiner Interpretation von Brechts ›Fragen‹ zu streichen. 4.) Rühmkorf verfügte offenbar über ein beträchtliches Ego (oder großen Durst), wie sich aus einem Brief Reich-Ranickis an den Chef vom Dienst der FAZ aus dem Jahre 1981 rekonstruieren lässt: An einige Mitarbeiter hatte Reich-Ranicki »aus Anlass der Weihnachtsfeiertage« sechs Flaschen Sekt geschickt, jedoch:
»Ein sehr wichtiger Mitarbeiter, der indes nicht bedacht war, hat es erfahren und ist drauf und dran, uns zu grollen, weil wir ihn vergessen haben. Kurz und gut: ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie die Güte hätten, die Verschickung noch eines Kartons mit 6 Flaschen Henkell Trocken anzuweisen an: Peter Rühmkorf.« (S. 134)