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Montag, 7. November 2022

Anderswo (26)

Lino Wirag hat die erste deutschsprachige Herr-der-Ringe-Parodie geschrieben und der Riva Verlag hat sie gedruckt: Der Herr des Cringe. Ich durfte ein Troll-Gedicht beisteuern, das sich in der zweiten Hälfte des Romans befindet.

Ein orkisches Antikriegslied hat leider nicht mehr reingepasst, das wird dafür voraussichtlich nächsten (!) Monat in meinem ersten Gedichtband stehen. Mehr bald.

Dienstag, 7. September 2021

Wünschelrute

Wünschelrute
Für Eichendorff?

Schläft ein Lied in allen Dingen?
Die da träumen fort und fort?
Und die Welt hebt an zu singen?
Triffst du nur das Zauberwort?

Donnerstag, 24. Dezember 2020

Dienstag, 29. September 2020

Anderswo (16)

Für die Eisenbart & Meisendraht-Sendung zum Thema Langeweile habe ich den Film Titanic und Schillers Lied von der Glocke leicht verkürzt bedichtet und vorgelesen.

Dienstag, 1. September 2020

Kurze Ballade

Der Knabe im Moor

Junge in
der Natur
klagt: »Wo bin
ich denn nur?«
  
Eulen schrein,
Kälte klirrt,
Geister ... – Nein,
das hier wird
  
ihm zu bunt.
Er ist klug,
flüchtet, und
da der Spuk
  
ihn im Trab
dann verlor,
spricht der Knab:
»Nevermoor!«

Freitag, 1. Mai 2020

Mailied

Mailied (feat. Ludwig Uhland)

Die linden Lüfte sind erwacht,
die Welt vergeht vor Blumenpracht,
   und Frühlings-Hashtags trenden.
Auf Wolfsmilchwiesen stirbt Gequak:
Man weiß nicht, was noch werden mag,
   das Blühen will nicht enden.

Die Gräser wachsen hoch und dicht.
Der Mohn glüht rot. Die Birke nicht,
   sie sorgt bloß für Geflenn, denn
man niest dank ihr den ganzen Tag
und weiß nicht, was noch werden mag,
   das Blühen will nicht enden.

Auf all-, auf all-, – Moment, ich hab's:
Auf allen Feldern strahlt der Raps,
   so möchte Gott uns blenden,
weshalb ich nun rhetorisch klag:
Man weiß nicht, was noch werden mag,
   das Blühen will nicht enden.

Die Algenblüte trübt das Meer.
Es grünt und knospt und sprießt so sehr,
   dass Bäume Schatten spenden,
wo noch im März ein Gleisbett lag:
Man weiß nicht, was noch werden mag,
   das Blühen will nicht enden.

Der Klee bricht durch Asphalt und Stein:
Das Land zerfällt. Der DAX stürzt ein.
   Quo vadis, Dividenden?
Verzeihung, dass ich weiter frag:
Wer weiß bloß, was noch werden mag?,
   wann will das Blühen enden?

Vergisst man das florale Leid,
und will man dennoch seine Zeit
   in der Natur verschwenden,
dann machen Nesseln Hautausschlag,
was ich zu kritisieren wag,
indem ich es noch einmal sag:
Man weiß nicht, was noch werden mag,
   das Blühen will nicht enden!

(Man sollte einen Strafantrag
an die Gerichte in Den Haag,
   auf dass es ende, senden.)

Dienstag, 21. April 2020

Anderswo (14)

Ich habe für die Titanic zusammen mit Erich Kästner ein Gedicht über öffnungswütige Ministerpräsidenten und das Land der Küchenbauer geschrieben.

Sonntag, 19. April 2020

Abendlied

Der Strom ist ausgefallen,
aus allen Häusern hallen
Beschwerden hell und klar.
Die fetten Flatscreens schweigen
und aus dem Kühlschrank steigen
Verwesungsdüfte wunderbar.

Wie ist die Welt so stille!
Kein Ballerspiel-Gekille,
das durch die Wohnung dröhnt.
Nur bei der Störungs-Hotline
wird man von fiesen Schrott-Lai'n
blöd hingehalten und verhöhnt.

Was mag auf Facebook stehen?
Wir können es nicht sehen:
wir sind so eingeschränkt.
Kein warmes Wasser fließt mehr.
Man legt sich hin und liest mehr,
doch ist ein bisschen abgelenkt.

Erneut ruft man die Brüder
beim Stadtwerk an. Doch wieder
stehn alle auf dem Schlauch.
Ich bitt dich, Herrgott: Oh Mann,
stell endlich unsern Strom an
und den vom kranken Nachbarn auch.
Und den vom kranken Nachbarn auch.

Mittwoch, 3. Januar 2018

Fischerweise

Fischerweise
Für Schlechta und Schubert

Herrn Fischer fechten Sorgen
und Kram wie Gram nicht an,
drum fährt er jeden Morgen
als Schaffner mit der Bahn.

Da lagert rings noch Friede
im Zug aus Offenbach;
er ruft mit seinem Liede
die müden Pendler wach.

Er schreitet stramm zu Werke,
mit stolzgeschwellter Brust:
Die Arbeit gibt ihm Stärke,
die Stärke Lebenslust.

Wenn wer aus dem Gewimmel
sich falsch zu fahren traut,
dann gnad' ihm Gott im Bimmel,
dann wird Herr Fischer laut. –

Des Zuges Bremsen gellen,
dann wirft er resolut
den ärmlichen Gesellen
tief in des Maines Flut.

Betrüger, spar die Tücke,
er ist ein schlauer Wicht:
Spiel nicht mit deinem Glücke,
Herrn Fischer narrst du nicht!

Sonntag, 14. Mai 2017

Harry Graham (29)

Sonntag ist Harry-Graham-Tag! Heute gibt es Tischtennisverse aus »Verse and Worse«:
Harry Graham: The Ballad of Ping-Pong
(After Swinburne)
The murmurous moments of May-time,
   What bountiful blessings they bring!
As dew to the dawn of the day-time,
   Suspicions of Summer to Spring!

Let others imagine the time light,
   With maidens or books on their knee,
Or live in the languorous limelight
   That tinges the trunk of the tree.

Let the timorous turn to their tennis,
   Or the bowls to which bumpkins belong,
But the thing for grown women and men is
   The pastime of ping and of pong.

The game of the glorious glamour!
   The feeling to fight till you fall!
The hurricane hail and the hammer!
   The batter and bruise of the ball!

The glory of getting behind it!
   The brief but bewildering bliss!
The fear of the failure to find it!
   The madness at making a miss!

The sound of the sphere as you smack it,
   Derisive, decisive, divine!
The riotous rush of your racket,
   To mix and to mingle with mine!

The diadem dear to the King is,
   How sweet to the singer his song;
To me so the plea of the ping is,
   And the passionate plaint of the pong.

I live for it, love for it, like it;
   Delight of my dearest of dreams!
To stand and to strive and to strike it,
   So certain, so simple it seems!

Then give me the game of the gay time,
   The ball on its wandering wing,
The pastime for night or for day-time,
   The Pong, not to mention the Ping!

Donnerstag, 22. Dezember 2016

B-Seiten 2016, Teil 2

Hier geht's zu Teil 1.


I

2016 war auch das Jahr der naheliegenden, billigen Witze, die – anders als teure, demnächst abgeschaffte Geldscheine – auf der Straße lagen und von mir zu Sonetten zerdehnt wurden:

Nachruf auf den 500-Euro-Schein

500er, du Rätsel! Du Versprechen!
Du roter (oder violetter?) Stern!
Dich liebt die Welt, und mehr als einen Herrn
sah man für dich schon fremde Knochen brechen.

500er, dich haben alle gern!
Nur einer namens Draghi will dich schwächen,
dich (metaphorisch) hinterrücks erstechen:
Doch mir, oh bitte glaub das, liegt dies fern.

500er, du Rätsel (siehe oben)!
Ich komme nicht umhin, dir zu geloben:
Ich möchte ewig deinen Namen nennen.

500er, du schönster aller Scheine!
Bald trägt man dich zu Grabe, und ich weine:
Wir lernten uns doch niemals richtig kennen!


II

Das obligatorische Tiergedicht im naiven Ringelnatz-Ton:

Lied der Hausspinne

Verschont mich!, denn ich bin bloß eine kleine
Erscheinung: das Klischee des Bösewichts,
und geb's ja gerne zu: Ich hab acht Beine.
Doch dafür kann ich nichts.

Ihr liebt mich nicht, wie ihr zum Beispiel Katzen
beziehungsweise Rauhaardackel liebt.
Ihr nehmt halt hin, dass es mich gibt,
und schneidet hinter meinem Rücken Fratzen,

falls ihr nicht gleich zum Handstaubsauger greift.
Ihr seht mich an, als solle ich verschwinden
(was ihr bisweilen sogar wörtlich keift):
Wohin denn? –

Nur nächtens streif ich ohne Furcht umher,
erblick mein Schicksal vor mir. Und beklag es.
Und seufze schwer. Ich säh gern eines Tages
noch das Meer...


III

Bescheidener Beitrag zur Poetik des Limericks
Stilecht holpernd

Jeder Dichter gehört doch gepfählt,
der noch heute den Limerick wählt;
der die Reimregeln nicht kennt,
doch sein Schundwerk Gedicht nennt,
das in Vers 6 zur Pointe sich quält.
(Oder 5? Fuck, ich hab mich verzählt!)


IV

Literaturkritik

Das beste Buch von Heine ist
noch immer das der Lieder.
Es gilt dem Liebchen, die* der
Herr Dichter immer wieder
und häufig kreuzgereimt vermisst.

Der (Wortspiel!) tiefste Text von Hei-
ne übrigens ist auch dabei:
Er handelt von der Loreley.

* Lies: das


V

Ein schreckliches Kind
Übertragung von ›A terrible infant‹ von Frederick Locker-Lampson

Mein Kindermädchen namens Ann
trug mich einmal spazieren und
traf dabei einen jungen Mann,
der küsste sie auf ihren Mund:

Kein bisschen Streit war das Ergebnis!
Ich dacht: »Aha!
Das sag ich, wenn ich's kann, Mama.«

Das war mein frühestes Erlebnis.


Sonntag, 3. Juli 2016

EM-Sonett V

EM-Sonett V
Deutschland - Italien 7:6 (1:1, 0:0) n. E.


Kennst du das Land, das die Elfmeter in
die Wolken schoss und/oder Neuers Hände?
Das hinten stand, als ob das Glück dort stände;
und hinten stand das Glück auch zu Beginn,

doch nicht am Ende.
Denn wenn ich richtig unterrichtet bin,
verlor das Land ja doch. Dahin, dahin
die Hoffnung. Schließlich jubelte der Fan (DE).

Kennst du das Land, das nun zum ersten Male
(denn Hectors Schüsslein war der Schicksalsschlag)
den Deutschen, da es zählte, unterlag?

Jetzt ist gleich mit dem Viertel- schon finale.
Kennst du das Land der völlig Titelfernen?
Du kennst es nicht? Du wirst es – Quatsch, du hast das Spiel ja wohl gesehen und das Land
                 folglich spätestens da kennengelernt, zumal es auch noch in der Überschrift genannt
                 wird. Ich entschuldige mich für die Frage.

Sonntag, 10. Januar 2016

Tränen des Abendlandes

Tränen des Abendlandes anno 2016
Für Andreas Gryphius

Wir sind doch nunmehr ganz, ja mehr denn ganz verheeret!
Der frechen Völker Schar durchschreitet deutsche Aun.
Sie graun, radaun und klaun in Potsdam, Pirna, Plaun,
und andern Städten, die die Schule nie gelehret.

Die Türme stehn in Glut, der Dom ist umgekehret.
Die Turnhalln sind besetzt, der Gartenzaun: zerhaun,
die Jungfraun sind geschänd't, und wo wir hin nur schaun,
ist Feuer, Pest und Tod, den Merkel uns bescheret.

Hier durch die Facebook-Posts rinnt allzeit frisches Blut.
Die Syrer sollen bloß zurück zum Zuckerhut:
Nix Pharao, dies ist das Land der Nibelungen!

Doch kommen wir zu dem, was ärger als der Tod:
Die Freiheit ist bedroht, es herrscht ein Denkverbot,
und niemand hat mehr Mut zu Meinungsäußerungen.

Freitag, 20. November 2015

Volkslied

Volkslied (feat. Johann Gaudenz von Sallis-Seewis)

Braun sind schon die Wälder,
grau die Stoppelfelder,
denn der Herbst begann.
Hagel schlägt und viele
Fußball-Länderspiele
pfiff kein Schiri an.

Terrorsorgen wachsen,
pittoresk liegt Sachsen:
wie von Bosch gemalt.
Abends gibt's kein Licht mehr,
Mancher Mensch wird nicht mehr
von der WELT bezahlt.

Nächtens friert's die Spinnen,
Helmut Schmidt fuhr in 'nen
Kanzlerhimmel ein.
Jedermann beeidet,
während Westwind schneidet,
ohne Furcht zu sein.

Geige tönt und Naidoo:
Wär das Land bloß frei, du!,
von der Hochfinanz...
Willst du schon verschwinden,
Herbst? Komm, reih dich in den
deutschen Ringeltanz.