The Cat
(Advice to the Young)
My children, you should imitate
The harmless, necessary cat,
Who eats whatever's on his plate,
And doesn't even leave the fat;
Who never stays in bed too late,
Or does immoral things like that;
Instead of saying »Shan't!« or »Bosh!«
He'll sit and wash, and wash, and wash!
When shadows fall and lights grow dim
He sits beneath the kitchen stair;
Regardless as to life and limb,
A simple couch he chooses there;
And if you tumble over him,
He simply loves to hear you swear.
And, while bad language you prefer,
He'll sit and purr, and purr, and purr!
Sonntag, 29. Januar 2017
Harry Graham (14)
Aus »Ruthless Rhymes For Heartless Homes«:
Sonntag, 22. Januar 2017
Harry Graham (13)
Aus »The World We Laugh In«:
If...!
I went to Murren (Switzerland)
For winter sports, you'll understand.
(I'm very fond of snow and ice,
Of alpenstocks and edelweiss.)
I booked my rooms at the hotel,
Unpacked, and, having rung the bell,
I asked the waiter would he please
To oil my skates and air my skis.
»Alas!« said he, »I greatly fear
You'll neither skate nor ski this year!
The thaw has melted ice and snow!
Now, if you'd come a year ago...!«
The sunny South of France I sought;
Blue goggles and a helmet bought;
Prepared to loiter, book in hand,
In sunshine, on a silver strand.
A blizzard blew, with rain and sleet;
The central heating wouldn't heat.
No form of fuel could I scrounge;
I sat and shivered in the lounge.
The natives all were forced to own
Such weather never had been known.
»It's quite exceptional,« they said.
»Had you been here last year instead...!«
I went to Holland (Amsterdam),
For that's the sort of man I am,
To see the tulips in full bloom.
(They charged a fiver for my room!)
I met a p'liceman on the square,
And asked him could he tell me where
The flowers in serried masses grew
Of ev'ry size and shape and hue.
The fellow shook his head and sighed:
»The bulbs this season mostly died!
The frost,« said he, »was so severe.
Now, if you'd only come last year...!«
I hastened off to far Japan,
Undaunted (I'm that type of man!),
For folks had told me how sublime
It was in cherry-blossom time.
But I had chosen, it appears,
The leanest, barrenest of years.
The cherry-crop had, if you please,
Been devastated by disease
And by – I can't recall the term –
Some strange exotic kind of worm!
'Twas quite abnormal, people swore;
Had I but come twelve months before...!
I hurried swiftly home and went
To see a maiden aunt in Kent.
She welcomed me, and led me round
Her garden which is world-renowned.
We reached a border bleak and bare:
»I had such lovely larkspur there,
Less than a month ago!« she said.
»It's sad to think they're mostly dead.
And my delphiniums, too, I vow
Were wonderful! They're over now.
My columbines were quite unique!
If only you'd been here last week...!«
I fled – it seemed a kind of Fate –
To Worthing, to recuperate.
'Twas rumored that at moments there
(Occasions happily most rare)
A pungent smell assailed the nose.
Like Aphrodite it arose
From out the sea, at change of tide:
A smell of sea-weed being fried,
Of rotting shell-fish and of slime –
I got it! I was just in time!
Sonntag, 15. Januar 2017
Harry Graham (12)
Sonntag ist Harry-Graham-Tag; heute ein Gedicht aus »The Motley Muse«:
Harry Graham: The Choice
A well-known lady dog-fancier informed a representative of the Daily Mirror that, in case of fire, she would most certainly save her dog rather than her husband.
»Go! Sound the fire alarm!« she cried.
»My house is all ablaze inside!
The flames are spreading far and wide;
The air with smoke is laden!
My darling's in an upper room!
Oh, save him from a fiery tomb!«
Straight, as she spoke, through sparks and fume
Came brave Lieutenant Sladen.
Quoth he: »The horsed-escape is here, ma'am;
We'll save your husband, never fear, ma'am!«
»My husband?« she replied. »Nay, nay!
Don't waste your time on him, I pray,
But turn your thoughts without delay
To things that really matter.
For though my weaker-half's asleep,
A faithful lap-dog, too, I keep,
And if I hold the former cheap,
I idolise the latter.
Gladly, to save the best of bow-wows,
I'd sacrifice,« she sobbed, »my spou-ouse!
How prettily my nose he licks!
(I'm speaking of the dog) and pricks
His ears and barks, while as for tricks
He never seems to tire, man!
He'll balance sugar on his snout –«
From burning windows came a shout;
Her husband suddenly leaned out
And thus adressed the fireman:
»You've seen the sort of wife I cherish;
Then be humane and – let me perish!«
Freitag, 13. Januar 2017
Neues zum Reimmangel
In seinen Vorlesungen »Zur Naturgeschichte des Reims und der menschlichen Anklangsnerven« beklagte sich Peter Rühmkorf einst, dass die deutsche Sprache für einige der »ordinärsten Hauptwörter (...) nicht genügend viele brauchbare Echowörter« anzubieten habe, sprich: Es reimt sich halt kaum was auf Herz, Mensch, deutsch etc.
Dieser recht unbestreitbare Umstand aber hält und hielt die Lyriker nicht davon ab, den Menschen immer wieder auf seine Reimbarkeit abzuklopfen, wie unlängst Steffen Brück auf seinem Blog bewies, wo er vier Beispiele für entsprechende Reime anführte. Ich möchte die Liste hier um einige Reimpaare ergänzen, die ich mir einmal aus höchst wissenschaftlichen Gründen notierte. (Juhu, ich habe also doch nicht völlig umsonst studiert!)
Da wäre beispielsweise ein Kniff, der mindestens zwei Dichtern (unabhängig voneinander?) einfiel, nämlich Salomo Friedlaender alias Mynona und Alexander Moszkowski. Im zweiten Gesang von Mynonas »Kopernikade« – im ersten reimte er bereits Mörder auf Herder – finden sich die Zeilen: »Dort saß ein männlicher Mensch! / Er stotterte: ›Wenn sch... / Wenn schon ...‹«.
Ausführlicher bedient Alexander Moszkowski sich dieses Tricks in »Mensch, reime dich!«, wenngleich der erste Reim streng genommen minimal unrein ausfällt:
Was mag sich wiederum Heinz Erhardt wohl dabei gedacht haben, als er Mensch im Gedicht »Mary und Lisa« auf Lunch reimte? Wahrscheinlich hatte er gerade Kurt Tucholsky gelesen, der nämlich bereits 1924 in »All right« auf dieselbe zweifelhafte Idee kam:
»Tausend englische Gentlemen nehmen wieder in Ruhe ihr Breakfast und ihren Lunch, / denn es hat sich ausgemacdonaldt – gefallen ist endlich der ekelhafte Mensch...«.
Solche schiefen Fremdwortreime finden sich bei Tucholsky übrigens häufiger, zu nennen wären unter anderem »hereingeredet / Credit«, »Privileg / Steak« oder das bei klischeehafter deutscher Aussprache eigentlich ziemlich akzeptable Reimpaar »Hotels / health«.
Neben Lunch bot Tucholsky noch einen weiteren vermeintlichen Gleichklang auf; er bemühte die nicht eben reimverdächtige polnische Stadt Zbąszyń, die den deutschen Namen Bentschen trug (was wiederum an Rühmkorfs »... sind die Gottfried Bennschen« erinnert):
»Und zunächst in der Neumark, in der Nähe von Bentschen, / landet er. ›Himmel, was sind das für Menschen!‹« (»Der alte Fontane«, 1918). Weil ihm dieses Spiel offenbar so gut gefiel, wiederholte er es 1927 in »Der Rhein und Deutschlands Stämme« einfach:
Erich Mühsam schließlich umging das Problem des direkten Reims auf die Menschen geschickt, indem er sie in seinem Ghasel mit dem abgefahrenen Titel »Ghasel« zwar Teil der gleitenden, mitunter gespaltenen Reime sein lässt; selbst aber müssen die Menschen wenig zum Gleichklang beitragen, da dieser jeweils wesentlich von den vorherigen Silben bedingt wird:
Na, usw. – Dass es noch weitere weitgehend unreimbare Wörter (und kreative Auswege) gibt, mag das abschließende Beispiel aus Mühsams Gedicht »Angriff!«, das Goebbels und dessen Zeitung verspottet, belegen:
Dieser recht unbestreitbare Umstand aber hält und hielt die Lyriker nicht davon ab, den Menschen immer wieder auf seine Reimbarkeit abzuklopfen, wie unlängst Steffen Brück auf seinem Blog bewies, wo er vier Beispiele für entsprechende Reime anführte. Ich möchte die Liste hier um einige Reimpaare ergänzen, die ich mir einmal aus höchst wissenschaftlichen Gründen notierte. (Juhu, ich habe also doch nicht völlig umsonst studiert!)
Da wäre beispielsweise ein Kniff, der mindestens zwei Dichtern (unabhängig voneinander?) einfiel, nämlich Salomo Friedlaender alias Mynona und Alexander Moszkowski. Im zweiten Gesang von Mynonas »Kopernikade« – im ersten reimte er bereits Mörder auf Herder – finden sich die Zeilen: »Dort saß ein männlicher Mensch! / Er stotterte: ›Wenn sch... / Wenn schon ...‹«.
Ausführlicher bedient Alexander Moszkowski sich dieses Tricks in »Mensch, reime dich!«, wenngleich der erste Reim streng genommen minimal unrein ausfällt:
Alexander Moszkowski: Mensch, reime dich!
Er hat der Laster mancherlei
Entwickelt zu allen Zeiten;
Doch dass er nicht mal reimbar sei,
Der sogenannte Mensch,
Das muss man doch ganz entsch...
Ja, ganz entschieden bestreiten!
Zwar mancher legt drauf keinen Wert,
Wenn er die Reimbarkeit erfährt,
Die man ihm früher unterschlagen;
Und zeigt sie ihm der Mensch,
So wird er bloß: nu wenn'sch...
Nu, wenn schon! wird er sagen.
Was mag sich wiederum Heinz Erhardt wohl dabei gedacht haben, als er Mensch im Gedicht »Mary und Lisa« auf Lunch reimte? Wahrscheinlich hatte er gerade Kurt Tucholsky gelesen, der nämlich bereits 1924 in »All right« auf dieselbe zweifelhafte Idee kam:
»Tausend englische Gentlemen nehmen wieder in Ruhe ihr Breakfast und ihren Lunch, / denn es hat sich ausgemacdonaldt – gefallen ist endlich der ekelhafte Mensch...«.
Solche schiefen Fremdwortreime finden sich bei Tucholsky übrigens häufiger, zu nennen wären unter anderem »hereingeredet / Credit«, »Privileg / Steak« oder das bei klischeehafter deutscher Aussprache eigentlich ziemlich akzeptable Reimpaar »Hotels / health«.
Neben Lunch bot Tucholsky noch einen weiteren vermeintlichen Gleichklang auf; er bemühte die nicht eben reimverdächtige polnische Stadt Zbąszyń, die den deutschen Namen Bentschen trug (was wiederum an Rühmkorfs »... sind die Gottfried Bennschen« erinnert):
»Und zunächst in der Neumark, in der Nähe von Bentschen, / landet er. ›Himmel, was sind das für Menschen!‹« (»Der alte Fontane«, 1918). Weil ihm dieses Spiel offenbar so gut gefiel, wiederholte er es 1927 in »Der Rhein und Deutschlands Stämme« einfach:
»Wer Lieder für Operetten schreibt
aus Prag, aus Wien und aus Bentschen –:
den Rhein möcht' ich sehn, der da ungereimt bleibt –
es sind halt geschickte Menschen!«
Erich Mühsam schließlich umging das Problem des direkten Reims auf die Menschen geschickt, indem er sie in seinem Ghasel mit dem abgefahrenen Titel »Ghasel« zwar Teil der gleitenden, mitunter gespaltenen Reime sein lässt; selbst aber müssen die Menschen wenig zum Gleichklang beitragen, da dieser jeweils wesentlich von den vorherigen Silben bedingt wird:
Euer Schicksal sind stets eure Taten, Menschen!
Will des Schaffens Glück euch nicht geraten, Menschen,
klagt euch selber nur der Unterlassung an.
Schwer von Brotfrucht prangten eure Saaten, Menschen.
Doch die Friedensarbeit ließ euch unbeglückt,
und aus freien Brüdern wurden Staatenmenschen.
Na, usw. – Dass es noch weitere weitgehend unreimbare Wörter (und kreative Auswege) gibt, mag das abschließende Beispiel aus Mühsams Gedicht »Angriff!«, das Goebbels und dessen Zeitung verspottet, belegen:
Doch aus Furcht und Hoffnung in die Hose f-
-iel sein nationales Herz, o Graus!
Und infolgedessen sieht der Josef
wirklich ziemlich angegriffen aus.
Sonntag, 8. Januar 2017
Harry Graham (11)
Jeden Sonntag ein Gedicht von Harry Graham, heute eines aus »Canned Classics«:
Harry Graham: Amiability
How fond I was of Uncle Dan;
Not since creation first began
Was there a more good-natured man,
More kindly or indulgent.
His ample face (he weighed a ton)
On ev'rything and ev'ry one
Shone like some vast, benignant sun,
As warm and as effulgent –
A simple soul, devoid of guile,
His life was one unending smile.
He never lost his self-control
At golf when, at the eighteenth hole,
His »putt« was bunkered by a mole,
Or he was laid a »stymie«;
He never got the least annoyed
When children (semi-anthropoid)
His priceless ornaments destroyed
Or made his shirt-front grimy;
At bridge he took it as a joke
If partners happened to revoke.
I still remember how he smiled
When Gwendolen, his only child,
Was by a foreigner beguiled
And afterwards deserted;
And when his youngest nephew, Phil,
Who forged his name upon a bill,
Presented it with cunning skil,
And into cash converted,
A smile my uncle's face o'erspread:
»Boys will be boys!« was all he said.
And when his wife eloped one day,
Because she could no longer stay
With one who never would display
The slightest sign of temper,
More wide my uncle's grins became,
He uttered not a word of blame,
His motto still remained the same:
»Still smiling« (»Ridens semper«).
He helped his erring spouse to pack,
And, later on, he took her back.
At last his friends could bear no more.
They led him to the mad-house door,
Where he, poor soul! to swell the score
Of demi-wits was added.
Such trials he was still above;
»Strait-waistcoats,« he remarked, »I love;
They really fit one like a glove;
How well this cell is padded!
Cocaine is a delightful drug!
This water-bed is nice and snug!«
Moral:
Though hearts by kindliness are won,
Good-nature can be overdone;
Excessive smiling we should shun,
Such sweetness can be cloying;
And men who, when our temper's short,
Decline to quarrel or show sport,
But still with courtesy retort,
Are terribly annoying.
A healthy grumble, now and then,
Is good for women and for men.
Mittwoch, 4. Januar 2017
Mynonas »Hundert Bonbons«
Das Pseudonym Mynona ist ein Ananym von Anonym. Dieser Satz allein würde bereits einen Beitrag rechtfertigen; weil jedoch die Texte Salomo Friedlaenders, der Mynona als Künstlernamen wählte, seit einigen Tagen urheberrechtsfrei sind, folgen hier noch ein paar Zeilen vom und über den Dichter.
Salomo Friedlaender (1871-1946) war eigentlich Philosoph, seine literarischen Werke veröffentlichte er als Mynona, neben dem Roman »Graue Magie« seien vor allem seine Prosa-Grotesken (die unter anderem in einem Auswahlband mit dem hübschen Titel »Der verliebte Leichnam« versammelt sind) genannt – und eben seine Gedichte. Nach symbolistischen Anfängen erschien 1918 sein komisches Hauptwerk »Hundert Bonbons«.
Das aus Anthologien bekannteste Bonbon ist wohl das einleitende Gedicht, das wie Robert Gernhardts »Materialien zu einer Kritik der bekanntesten Gedichtform italienischen Ursprungs« sich in Sonettform vorgeblich gegen Sonette ausspricht:
Natürlich steht Mynona aber sehr wohl in Petrarcas Tradition, und so folgen weitere 99 spartanisch, nein: römisch durchnummerierte Sonette, die mit zum Besten gehören, was die komische Lyrik hierzulande zu bieten hat.
Mynonas »Hundert Bonbons« triefen vor Gewalt; zunächst sticht oftmals die inhaltliche Brutalität ins Auge, doch auch auf formaler Ebene geht es wenig zimperlich zu: Während »Rhythmen« und »Whitman« aus Strophe 1 im obigen Beispiel noch passable Reime sein mögen, fallen »glitt, wenn« und »Ritt, denn« in der zweiten Strophe unrein aus, und in Vers 10 steht das passende Wort dafür: »gezwungen« sind sie, denn der Dichter erkämpft sich den Gleichklang mit aller Vehemenz.
In einem Brief aus dem Jahre 1936 weist Mynona selbst darauf hin, welche Bedeutung der Reim für ihn hatte: »Ich liebe sie (die Reime) in einer so ungereimten Welt. Sie bedeuten symbolisch, dass sie sich einmal reimen kann.« – Wenngleich dazu manchmal eben etwas Gewalt nötig ist:
Auch in diesem Sonett sind viele Reime gewagt bis schief: »Wald« und »Gewalt« rühren, und während »splitternackt« sich mit viel gutem Willen durchaus auf »Mitternacht« reimen ließe, reimt sich wiederum »intakt« in Vers 8 bloß auf »splitternackt«... Das Empörende: Die technischen Schwächen – auch die Satzumstellungen und bisweilen unsaubere Metrik wären zu nennen – stören kaum, weil sie in den »Hundert Bonbons« meist ohnehin von den inhaltlichen Ungeheuerlichkeiten in den Schatten gestellt werden:
Zugegeben, nicht in allen der »Hundert Bonbons« gelingt dem Dichter die Verknappung, bisweilen verläuft sich Mynona ein wenig im Sonett und muss seine Geschichten arg kürzen, um die 14 Verse nicht zu überschreiten. Fast jedes Gedicht jedoch ist mindestens wegen irgendeines Details lesenswert, seien es etwa seltene und seltsame Reime (»Noah / Oh! Ah!«, »Orangerie / Hihi!«, »diensbeflissnen Herrchen / Alfred Kerrchen«, »irr / Brrr!«), einzelne Verse (»Zur Leiche werden, scheint nicht ideal«) oder lakonische Mord-Beschreibungen: »[Er] Macht aus dem Messner 'nen Anachronismus, / Das heißt, er boxt ihn tot«.
Apropos: Friedlaender verfasste auch ein Büchlein namens »Kant für Kinder«, und diese Überleitung gibt mir die Gelegenheit, auf sein restliches lyrisches Werk hinzuweisen, das nämlich abgesehen von allerlei verstreuten Gedichten, Volkslied-Parodien (»Abendgrün! Abendgrün!«) und wenigen Übersetzungen eben vor allem philosophisch grundiert ist. In den letzten Jahren (er lebte seit 1933 im Pariser Exil) entstanden philosophische Sonette sowie die Langgedichte »ICH-Heliozentrum. Kopernikade in grotesken Elegien« und »Magie in Knittelversen«, die, anders als das folgende abschließende Beispiel-Bonbon, nicht recht in mein Fach fallen.
Mynonas »Hundert Bonbons« sind einzigartig in der deutschen komischen Lyrik, am nächsten kommen ihnen wohl die »Kriminalsonette« Friedrich Eisenlohrs, Livingstone Hahns und Ludwig Rubiners sowie vielleicht Ror Wolfs Moritate über Hans Waldmann; die exzentrischen und seltenen Reime tauchen erst wieder bei Peter Rühmkorf auf.
Doch wo und wie lassen sich die »Hundert Bonbons« in Gänze genießen?
Meines Wissens wurden sie zweimal posthum veröffentlicht, nämlich in der (unzuverlässigen) Edition »Die Lyrik Salomo Friedlaender / Mynonas: Traum, Parodie und Weltverbesserung« (1990) und in der vollständigen, aber teuren, von Hartmut Geerken und Detlef Thiel verantworteten Werkausgabe (»Lyrik«, 2014), aus deren ausführlicher Einleitung auch das oben angeführte Reimzitat stammt.
Kostenlos und digital dagegen ist der Gedichtband dank der DNB hier zu lesen.
Salomo Friedlaender (1871-1946) war eigentlich Philosoph, seine literarischen Werke veröffentlichte er als Mynona, neben dem Roman »Graue Magie« seien vor allem seine Prosa-Grotesken (die unter anderem in einem Auswahlband mit dem hübschen Titel »Der verliebte Leichnam« versammelt sind) genannt – und eben seine Gedichte. Nach symbolistischen Anfängen erschien 1918 sein komisches Hauptwerk »Hundert Bonbons«.
Das aus Anthologien bekannteste Bonbon ist wohl das einleitende Gedicht, das wie Robert Gernhardts »Materialien zu einer Kritik der bekanntesten Gedichtform italienischen Ursprungs« sich in Sonettform vorgeblich gegen Sonette ausspricht:
Mynona: I
In alte Schläuche taugt kein neuer Wein,
Der Dichter dichte, wie zum Beispiel Whitman;
Die Seele immer neu schafft ihre Rhythmen,
Wer heut' Sonette macht, ist nur ein Schwein.
Daher auch hüt' ich mich davor, allein
Ich bin darob beruhigt, denn ich glitt, wenn
Ich's auch wollte, nicht in diesen Ritt, denn
Grad zur Sonettform sag ich immer: nein!
Ich hoppse, wie die Muskeln mir's diktieren,
Will nicht in fremde Form gezwungen sein
Und fühle mich ganz frei in meiner – meiner!
Pfui Teufel, sollt' ich je Sonette schmieren:
Ich will ich selbst in meinen Lungen sein
Und niemals atmen in Petrarkas seiner.
Natürlich steht Mynona aber sehr wohl in Petrarcas Tradition, und so folgen weitere 99 spartanisch, nein: römisch durchnummerierte Sonette, die mit zum Besten gehören, was die komische Lyrik hierzulande zu bieten hat.
Mynonas »Hundert Bonbons« triefen vor Gewalt; zunächst sticht oftmals die inhaltliche Brutalität ins Auge, doch auch auf formaler Ebene geht es wenig zimperlich zu: Während »Rhythmen« und »Whitman« aus Strophe 1 im obigen Beispiel noch passable Reime sein mögen, fallen »glitt, wenn« und »Ritt, denn« in der zweiten Strophe unrein aus, und in Vers 10 steht das passende Wort dafür: »gezwungen« sind sie, denn der Dichter erkämpft sich den Gleichklang mit aller Vehemenz.
In einem Brief aus dem Jahre 1936 weist Mynona selbst darauf hin, welche Bedeutung der Reim für ihn hatte: »Ich liebe sie (die Reime) in einer so ungereimten Welt. Sie bedeuten symbolisch, dass sie sich einmal reimen kann.« – Wenngleich dazu manchmal eben etwas Gewalt nötig ist:
Mynona: LIII
Ich stieg zu Pferde just um Mitternacht
Und ritt durch einen malitiösen Wald.
Da regt sich eine weibliche Gestalt
Im holden Zauber der Mondzitternacht.
Sie schien so weiß, als wär sie splitternackt,
Ergreift mich mit magnetischer Gewalt.
Näher jedoch besehen, war sie alt
Und im Gehirne nicht mehr ganz intakt.
Romantisch sagt sie mir: »Ich muss dich küssen!«
»Es hat noch Zeit«, erwidre ich geschwind.
»Nein,« seufzt sie, »es muss auf der Stelle sein!«
Was half's? Galant hab ich nachgeben müssen:
Stieg ab – sie auf – fort ritt sie (wie der Wind)!
Wer möchte wohl in meiner Pelle sein?
Auch in diesem Sonett sind viele Reime gewagt bis schief: »Wald« und »Gewalt« rühren, und während »splitternackt« sich mit viel gutem Willen durchaus auf »Mitternacht« reimen ließe, reimt sich wiederum »intakt« in Vers 8 bloß auf »splitternackt«... Das Empörende: Die technischen Schwächen – auch die Satzumstellungen und bisweilen unsaubere Metrik wären zu nennen – stören kaum, weil sie in den »Hundert Bonbons« meist ohnehin von den inhaltlichen Ungeheuerlichkeiten in den Schatten gestellt werden:
Mynona: XXII
Drei schöne Mädchen tanzen splitternackt
Chopin, Beethoven, Bach und Richard Strauß,
Und in dem propfenvollen Opernhaus
Klatscht bravo man, bis jeder Handschuh knackt.
Aus einer Fremdenloge (wie vertrackt!)
Schaun greise Lebemänner weit hinaus,
Sie schmeißen Lorbeerkränze (ei der Daus!),
Besonders einer fühlt sich tief gepackt.
Er schwingt sein Bein über die Logenbrüstung,
Er will zur Bühne fliegen und verliert
Sein Gleichgewicht; am Frackschoß hält man ihn,
Doch rutscht er aus des Frackes edler Rüstung, –
Er stürzt ins Publikum und ramponiert
Frau Meier tot. (Die Tänzerinnen schrie'n).
Zugegeben, nicht in allen der »Hundert Bonbons« gelingt dem Dichter die Verknappung, bisweilen verläuft sich Mynona ein wenig im Sonett und muss seine Geschichten arg kürzen, um die 14 Verse nicht zu überschreiten. Fast jedes Gedicht jedoch ist mindestens wegen irgendeines Details lesenswert, seien es etwa seltene und seltsame Reime (»Noah / Oh! Ah!«, »Orangerie / Hihi!«, »diensbeflissnen Herrchen / Alfred Kerrchen«, »irr / Brrr!«), einzelne Verse (»Zur Leiche werden, scheint nicht ideal«) oder lakonische Mord-Beschreibungen: »[Er] Macht aus dem Messner 'nen Anachronismus, / Das heißt, er boxt ihn tot«.
Mynona: XX
Der Lehrer Knille prüft die kleinen Schüler;
Wenn sie nichts können, kriegen sie die Rute.
Jähzornig wird er, schreit: »Zur Hölle spute
Sich jeder Dummkopf!« Und er streckt die Fühler
Sondierend aus von Neu'm, ein rechter Wühler:
Sie wissen gar nichts: und voll schnödem Mute
Fasst mit entsetzlich eiseskaltem Blute
Den teuflischen Entschluss (ohne Kalkül) er:
Hervor zieht er sein altes Bowiemesser
Und schneidet langsam einem nach dem andern
Der Reihe nach die Köpfchen von den Hälsen.
Sie halten still, gehorchen dem Professer,
Und ohne Kopf sie fromm nach Hause wandern –
Die Eltern (schmerzerfüllt) erstarrn zu Felsen.
Apropos: Friedlaender verfasste auch ein Büchlein namens »Kant für Kinder«, und diese Überleitung gibt mir die Gelegenheit, auf sein restliches lyrisches Werk hinzuweisen, das nämlich abgesehen von allerlei verstreuten Gedichten, Volkslied-Parodien (»Abendgrün! Abendgrün!«) und wenigen Übersetzungen eben vor allem philosophisch grundiert ist. In den letzten Jahren (er lebte seit 1933 im Pariser Exil) entstanden philosophische Sonette sowie die Langgedichte »ICH-Heliozentrum. Kopernikade in grotesken Elegien« und »Magie in Knittelversen«, die, anders als das folgende abschließende Beispiel-Bonbon, nicht recht in mein Fach fallen.
Mynona: IX
Der Anarchist bewohnt die Zitadelle.
Durch (schade!) ein gerichtliches Versehen
Erhängt man ihn (er kann ja auferstehen!).
Die Braut (am Busen eine Immortelle)
Erklimmt die Mauern, liebliche Gazelle,
(Ihr Seliger verglich sie oft den Rehen):
Elastisch, flink, auf springgelenk'gen Zehen,
Schwingt sie sich kühn in den Bezirk der Wälle.
Doch dort erreichte sie sofort die Strafe;
Man schleppt sie schonungslos ins Fraungefängnis.
Sie intrigiert; sie raubt den Festungsplan;
Hypnotisiert Jedweden einzeln: »Schlafe!«
Gewinnt das Freie; wird des Staats Verhängnis –
Heran braust ein politischer Orkan.
Mynonas »Hundert Bonbons« sind einzigartig in der deutschen komischen Lyrik, am nächsten kommen ihnen wohl die »Kriminalsonette« Friedrich Eisenlohrs, Livingstone Hahns und Ludwig Rubiners sowie vielleicht Ror Wolfs Moritate über Hans Waldmann; die exzentrischen und seltenen Reime tauchen erst wieder bei Peter Rühmkorf auf.
Doch wo und wie lassen sich die »Hundert Bonbons« in Gänze genießen?
Meines Wissens wurden sie zweimal posthum veröffentlicht, nämlich in der (unzuverlässigen) Edition »Die Lyrik Salomo Friedlaender / Mynonas: Traum, Parodie und Weltverbesserung« (1990) und in der vollständigen, aber teuren, von Hartmut Geerken und Detlef Thiel verantworteten Werkausgabe (»Lyrik«, 2014), aus deren ausführlicher Einleitung auch das oben angeführte Reimzitat stammt.
Kostenlos und digital dagegen ist der Gedichtband dank der DNB hier zu lesen.
Sonntag, 1. Januar 2017
Harry Graham (10)
Aus »The World We Laugh In«:
Harry Graham: »Funny!«
(On being asked by an Editor for a »funny poem«)
»A funny poem?« No, my friend,
Though loth to set your ardour cooling,
I cannot honestly pretend
To deal in that peculiar blend
Of literary fooling
Which other bards, for love or money,
Express in verse that's frankly »funny.«
Some enemy of mine, mayhap,
Has spread abroad this senseless rumour
Which stamps me as the sort of chap
Who keeps, as one might say, on tap,
A constant flow of humour:
A bright buffoon, of nature sunny,
Who earns his bread by being »funny!«
My art I rather would express
In lyric ode or tale dramatic
Of lovelorn swain and proud princess,
Of captive damsel in distress
Locked in ancestral attic,
Of maiden fair with hair like honey
And no pretence to being »funny!«
Or I would sing of babbling brook,
Of vales where nightingales grow tender,
Of forest groves where nests the rook,
And cuckoos »oo« before they »cuck,«
'Neath summer's sunlit splendour;
Of verdant swards where basks the bunny –
But even these are far from »funny!«
Bid me compose a stirring song,
My rhyming lexicon I'll lug out
And tell of how, to right the wrong,
Heroic conscripts, stern and strong,
Came leaping from their dug-out
And taught the Hun to be less Hunny;
But do not ask me to be »funny!«
Or bid me praise the lads that roam
The salt sea waves with such devotion
In submarines beneath the foam,
Who seem to feel as much at home
In the Atlantic Ocean
As monster fish (e.g. the tunny);
But do not ask me to be »funny!«
Implore me, if you must, some day
To write you verses sad and serious,
A sober, quaint, old-fashioned lay,
A ballad sentimental, say,
Or tragic and mysterious.
But if you prize my friendship, sonny,
Don't ever ask me to be »funny!«
Samstag, 24. Dezember 2016
Harry Graham (9)
Ob die folgenden Verse im Jahre 1913, als der Band »The Motley Muse« erschien, tatsächlich als besonders zynisch galten, mögen Feiertagssoziologen klären.
Harry Graham: The Cynic's Christmas
Christmas is here! Let us deck ev'ry dwelling
With evergreen branches and mistletoe boughs!
With thoughts philanthropic our bosoms are swelling,
No shadow should darken our brows!
(But, alas! when we're fixing festoons to the ceiling,
The ladders we stand on are apt to give way,
When a desolate feeling comes over us stealing;
'Tis hard to be merry and gay!
And it's difficult, too, to feel thoroughly jolly
When painfully punctured by pieces of holly!)
Christmas is here! Let the plums and the suet
Be mingled once more in ungrudging supplies!
Let the lover of punch hasten swiftly to brew it!
Make ready a score of mince-pies!
(But, alas! let us not be completely forgetful
Of how indigestion is fostered and bred,
How a surfeit of food makes the family fretful,
While alcohol flies to the head;
Lest a fortnight devoted to over-nutrition
Entail a recourse to the nearest physician!)
Christmas is here! Ev'ry mother shall borrow
Her spouse's best stockings to tie to the cot
Of the baby, who hopes they'll contain, on the morrow,
Drums, trumpets, and goodness knows what!
(But it's rather a blow when the footwear allotted
To hang full of goodies and toys through the night,
Is returned to its owner, misshapen and clotted
With toffee and Turkish Delight;
While a drum is a bore if you constantly thump it,
And life can be poisoned by sounds from a trumpet!)
Christmas is here! All our nephews and nieces
Troop happily home to delight us at Yule!
We rejoice when the holiday season releases
The inmates of college and school!
(But perhaps when at dawn they awake us by shouting
'When Shepherds'—a hymn which they sing out of tune—
They may furnish some fifty good reasons for doubting
If holidays are such a boon;
And even the kindliest relative wearies
Of constantly answering juvenile queries!)
Christmas is here! Little children excited
Make domiciles vocal with shrieks of applause,
As they ask that the candle-decked fir-tree be lighted,
In honour of kind Santa Claus!
(But, alas! for the person of years known as 'riper'!
By clatter and racket his nerves are unstrung;
He is followed about, like a second Pied Piper,
By droves of the clamorous young!
All in vain does he seek for some haven of quiet;
No room in the building is free from their riot!)
Christmas is here! Let us load our relations
With presents expensive and offerings rare,
And assume, as we lavish our tips and donations,
A noble and bountiful air!
(But, alas! when we've purchased the costliest jewel
For dear Cousin Jane, and despatched it by post,
And she sends in return a small mat, worked in crewel,
And worth eighteenpence at the most,
Shall we say, recollecting the gift that we bought her,
'Dear Jane is a trifle more dear than we thought her'?)
Christmas is here! Let us go serenading,
In glees and in madrigals raising our voice,
In the snow of the street, 'neath your windows parading,
O maidens divine of our choice!
(But we mustn't forget how our last Christmas carols
Were spoilt by your parents' inhuman attacks,
When they brought out their shot-guns and emptied both barrels
Bang into the smalls of our backs!
If one justly expects some applause and encoring,
A ball in the back is excessively boring!)
Christmas is here! At a season so sprightly
We banish all thoughts about mundane affairs,
And attempt to be gay and to smile fairly brightly,
In spite of our worries and cares.
(But financial embarrassments mortify most men
Whose hearts a prognostic of bankruptcy grips,
When the dustmen and milkmen, policemen and postmen,
Demand their habitual tips!)
· · · · · ·
Then tell me—and grateful I'll be to you, very—
Oh, tell me why Christmas was ever called 'Merry'!
Donnerstag, 22. Dezember 2016
B-Seiten 2016, Teil 2
Hier geht's zu Teil 1.
I
2016 war auch das Jahr der naheliegenden, billigen Witze, die – anders als teure, demnächst abgeschaffte Geldscheine – auf der Straße lagen und von mir zu Sonetten zerdehnt wurden:
Nachruf auf den 500-Euro-Schein
500er, du Rätsel! Du Versprechen!
Du roter (oder violetter?) Stern!
Dich liebt die Welt, und mehr als einen Herrn
sah man für dich schon fremde Knochen brechen.
500er, dich haben alle gern!
Nur einer namens Draghi will dich schwächen,
dich (metaphorisch) hinterrücks erstechen:
Doch mir, oh bitte glaub das, liegt dies fern.
500er, du Rätsel (siehe oben)!
Ich komme nicht umhin, dir zu geloben:
Ich möchte ewig deinen Namen nennen.
500er, du schönster aller Scheine!
Bald trägt man dich zu Grabe, und ich weine:
Wir lernten uns doch niemals richtig kennen!
II
Das obligatorische Tiergedicht im naiven Ringelnatz-Ton:
Lied der Hausspinne
Verschont mich!, denn ich bin bloß eine kleine
Erscheinung: das Klischee des Bösewichts,
und geb's ja gerne zu: Ich hab acht Beine.
Doch dafür kann ich nichts.
Ihr liebt mich nicht, wie ihr zum Beispiel Katzen
beziehungsweise Rauhaardackel liebt.
Ihr nehmt halt hin, dass es mich gibt,
und schneidet hinter meinem Rücken Fratzen,
falls ihr nicht gleich zum Handstaubsauger greift.
Ihr seht mich an, als solle ich verschwinden
(was ihr bisweilen sogar wörtlich keift):
Wohin denn? –
Nur nächtens streif ich ohne Furcht umher,
erblick mein Schicksal vor mir. Und beklag es.
Und seufze schwer. Ich säh gern eines Tages
noch das Meer...
III
Bescheidener Beitrag zur Poetik des Limericks
Stilecht holpernd
Jeder Dichter gehört doch gepfählt,
der noch heute den Limerick wählt;
der die Reimregeln nicht kennt,
doch sein Schundwerk Gedicht nennt,
das in Vers 6 zur Pointe sich quält.
(Oder 5? Fuck, ich hab mich verzählt!)
IV
Literaturkritik
Das beste Buch von Heine ist
noch immer das der Lieder.
Es gilt dem Liebchen, die* der
Herr Dichter immer wieder
und häufig kreuzgereimt vermisst.
Der (Wortspiel!) tiefste Text von Hei-
ne übrigens ist auch dabei:
Er handelt von der Loreley.
* Lies: das
V
Ein schreckliches Kind
Übertragung von ›A terrible infant‹ von Frederick Locker-Lampson
Mein Kindermädchen namens Ann
trug mich einmal spazieren und
traf dabei einen jungen Mann,
der küsste sie auf ihren Mund:
Kein bisschen Streit war das Ergebnis!
Ich dacht: »Aha!
Das sag ich, wenn ich's kann, Mama.«
– Das war mein frühestes Erlebnis.
I
2016 war auch das Jahr der naheliegenden, billigen Witze, die – anders als teure, demnächst abgeschaffte Geldscheine – auf der Straße lagen und von mir zu Sonetten zerdehnt wurden:
Nachruf auf den 500-Euro-Schein
500er, du Rätsel! Du Versprechen!
Du roter (oder violetter?) Stern!
Dich liebt die Welt, und mehr als einen Herrn
sah man für dich schon fremde Knochen brechen.
500er, dich haben alle gern!
Nur einer namens Draghi will dich schwächen,
dich (metaphorisch) hinterrücks erstechen:
Doch mir, oh bitte glaub das, liegt dies fern.
500er, du Rätsel (siehe oben)!
Ich komme nicht umhin, dir zu geloben:
Ich möchte ewig deinen Namen nennen.
500er, du schönster aller Scheine!
Bald trägt man dich zu Grabe, und ich weine:
Wir lernten uns doch niemals richtig kennen!
II
Das obligatorische Tiergedicht im naiven Ringelnatz-Ton:
Lied der Hausspinne
Verschont mich!, denn ich bin bloß eine kleine
Erscheinung: das Klischee des Bösewichts,
und geb's ja gerne zu: Ich hab acht Beine.
Doch dafür kann ich nichts.
Ihr liebt mich nicht, wie ihr zum Beispiel Katzen
beziehungsweise Rauhaardackel liebt.
Ihr nehmt halt hin, dass es mich gibt,
und schneidet hinter meinem Rücken Fratzen,
falls ihr nicht gleich zum Handstaubsauger greift.
Ihr seht mich an, als solle ich verschwinden
(was ihr bisweilen sogar wörtlich keift):
Wohin denn? –
Nur nächtens streif ich ohne Furcht umher,
erblick mein Schicksal vor mir. Und beklag es.
Und seufze schwer. Ich säh gern eines Tages
noch das Meer...
III
Bescheidener Beitrag zur Poetik des Limericks
Stilecht holpernd
Jeder Dichter gehört doch gepfählt,
der noch heute den Limerick wählt;
der die Reimregeln nicht kennt,
doch sein Schundwerk Gedicht nennt,
das in Vers 6 zur Pointe sich quält.
(Oder 5? Fuck, ich hab mich verzählt!)
IV
Literaturkritik
Das beste Buch von Heine ist
noch immer das der Lieder.
Es gilt dem Liebchen, die* der
Herr Dichter immer wieder
und häufig kreuzgereimt vermisst.
Der (Wortspiel!) tiefste Text von Hei-
ne übrigens ist auch dabei:
Er handelt von der Loreley.
* Lies: das
V
Ein schreckliches Kind
Übertragung von ›A terrible infant‹ von Frederick Locker-Lampson
Mein Kindermädchen namens Ann
trug mich einmal spazieren und
traf dabei einen jungen Mann,
der küsste sie auf ihren Mund:
Kein bisschen Streit war das Ergebnis!
Ich dacht: »Aha!
Das sag ich, wenn ich's kann, Mama.«
– Das war mein frühestes Erlebnis.
Sonntag, 18. Dezember 2016
Harry Graham (8)
Eine Besserwisser-Beschimpfung aus »Familiar Faces«:
Harry Graham: The Man Who Knows
How few of us contrive to shineIn ordinary conversationAs brightly as this human mineOf universal information,Or give mankind the benefitOf such encyclopædic wit.How few of us can lightly touchOn any topic one may mentionWith so much savoir-faire, or suchExasperating condescension;Or take so lively a delightIn setting other people right.Whatever you may do or dream,The Man Who Knows has dreamt or done it;If you propound some novel scheme,The Man Who Knows has long begun it;Should you evolve a repartee,»I made that yesterday,« says he.
With what a supercilious airHe listens to your newest story,As tho' your latest legend wereSome chestnut long of beard and hoary.»When I recount that yarn,« he'll say,»I end it in a diff'rent way.«With a superior smile he capsYour ev'ry statement with another,If you have lost your voice, perhaps,He knows a man who's lost his mother;If you've a cold, 'tis not so badAs one that once his uncle had.Should you describe some strange eventThat happened to a near relation,—Some fatal motor accident,Some droll or ticklish situation,—»In eighteen-eighty-eight,« says he,»The very same occurred to me.«
Each man who dies to him suppliesA peg on which to air his knowledge;»Poor So-and-So,« he sadly sighs,»He shared a room with me at college.I knew his sister at Ostend.He was my father's dearest friend.«If you relate some incident,A trifle scandalous or shady,An anecdote you've heard anentSome wealthy or distinguished lady,He stops you with a sudden sign:—»She is a relative of mine!«When on some simple point of factYou fancy him impaled securely,He either smiles with silent tact,Or else he shakes his head obscurely,Suggesting that he might disclosePortentous secrets, if he chose.But if you dare to doubt his word,At once that puts him on his metal;»Your facts,« says he, »are quite absurd!As for Mount Popocatepetl,—Of course it's not in Mexico;I've been there, and I ought to know!«Or »George, how you exaggerate!It isn't half-past seven, nearly!I make it seven-twenty-eight;Your watch is out of order, clearly.Mine cannot possibly be slow;I set it half an hour ago.«He knows a foreign health-resortWhere tourists are quite inoffensive;He knows a brand of ancient port,Comparatively inexpensive;And he will tell you where to getThe choicest Turkish cigarette.He knows hotels at which to dineAnd take the most fastidious guest to;He knows a mine in ArgentineIn which you safely can invest, too;He knows the shop where you can buyThe most recherché hat or tie.If you require a motor-car,He has a cousin who can tell youOf something second-hand but farLess costly than the trade would sell you;And if you want a chauffeur, too,He knows the very man for you.There's nothing that he doesn't know,Except—a rather grave omission—How weary his relations growOf such unceasing erudition,—How fervently his fellows longThat just for once he should be wrong.O Man Who Knows, we humbly ask
That thou shouldst cease such grateful labours—
Suspend thy self-inflicted task
Of lecturing thine erring neighbours;
For in thy knowledge we detect
No faintest sign of Intellect.
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