Sonntag, 8. Januar 2017

Harry Graham (11)

Jeden Sonntag ein Gedicht von Harry Graham, heute eines aus »Canned Classics«:

Harry Graham: Amiability

How fond I was of Uncle Dan;
Not since creation first began
Was there a more good-natured man,
   More kindly or indulgent.
His ample face (he weighed a ton)
On ev'rything and ev'ry one
Shone like some vast, benignant sun,
   As warm and as effulgent –
A simple soul, devoid of guile,
His life was one unending smile.

He never lost his self-control
At golf when, at the eighteenth hole,
His »putt« was bunkered by a mole,
   Or he was laid a »stymie«;
He never got the least annoyed
When children (semi-anthropoid)
His priceless ornaments destroyed
   Or made his shirt-front grimy;
At bridge he took it as a joke
If partners happened to revoke.

I still remember how he smiled
When Gwendolen, his only child,
Was by a foreigner beguiled
   And afterwards deserted;
And when his youngest nephew, Phil,
Who forged his name upon a bill,
Presented it with cunning skil,
   And into cash converted,
A smile my uncle's face o'erspread:
»Boys will be boys!« was all he said.

And when his wife eloped one day,
Because she could no longer stay
With one who never would display
   The slightest sign of temper,
More wide my uncle's grins became,
He uttered not a word of blame,
His motto still remained the same:
   »Still smiling« (»Ridens semper«).
He helped his erring spouse to pack,
And, later on, he took her back.

At last his friends could bear no more.
They led him to the mad-house door,
Where he, poor soul! to swell the score
   Of demi-wits was added.
Such trials he was still above;
»Strait-waistcoats,« he remarked, »I love;
They really fit one like a glove;
   How well this cell is padded!
Cocaine is a delightful drug!
This water-bed is nice and snug!«

Moral:
Though hearts by kindliness are won,
Good-nature can be overdone;
Excessive smiling we should shun,
   Such sweetness can be cloying;
And men who, when our temper's short,
Decline to quarrel or show sport,
But still with courtesy retort,
   Are terribly annoying.
A healthy grumble, now and then,
Is good for women and for men.

Mittwoch, 4. Januar 2017

Mynonas »Hundert Bonbons«

Das Pseudonym Mynona ist ein Ananym von Anonym. Dieser Satz allein würde bereits einen Beitrag rechtfertigen; weil jedoch die Texte Salomo Friedlaenders, der Mynona als Künstlernamen wählte, seit einigen Tagen urheberrechtsfrei sind, folgen hier noch ein paar Zeilen vom und über den Dichter.

Salomo Friedlaender (1871-1946) war eigentlich Philosoph, seine literarischen Werke veröffentlichte er als Mynona, neben dem Roman »Graue Magie« seien vor allem seine Prosa-Grotesken (die unter anderem in einem Auswahlband mit dem hübschen Titel »Der verliebte Leichnam« versammelt sind) genannt – und eben seine Gedichte. Nach symbolistischen Anfängen erschien 1918 sein komisches Hauptwerk »Hundert Bonbons«.

Das aus Anthologien bekannteste Bonbon ist wohl das einleitende Gedicht, das wie Robert Gernhardts »Materialien zu einer Kritik der bekanntesten Gedichtform italienischen Ursprungs« sich in Sonettform vorgeblich gegen Sonette ausspricht:
Mynona: I

In alte Schläuche taugt kein neuer Wein,
Der Dichter dichte, wie zum Beispiel Whitman;
Die Seele immer neu schafft ihre Rhythmen,
Wer heut' Sonette macht, ist nur ein Schwein.

Daher auch hüt' ich mich davor, allein
Ich bin darob beruhigt, denn ich glitt, wenn
Ich's auch wollte, nicht in diesen Ritt, denn
Grad zur Sonettform sag ich immer: nein!

Ich hoppse, wie die Muskeln mir's diktieren,
Will nicht in fremde Form gezwungen sein
Und fühle mich ganz frei in meiner – meiner!

Pfui Teufel, sollt' ich je Sonette schmieren:
Ich will ich selbst in meinen Lungen sein
Und niemals atmen in Petrarkas seiner.

Natürlich steht Mynona aber sehr wohl in Petrarcas Tradition, und so folgen weitere 99 spartanisch, nein: römisch durchnummerierte Sonette, die mit zum Besten gehören, was die komische Lyrik hierzulande zu bieten hat.

Mynonas »Hundert Bonbons« triefen vor Gewalt; zunächst sticht oftmals die inhaltliche Brutalität ins Auge, doch auch auf formaler Ebene geht es wenig zimperlich zu: Während »Rhythmen« und »Whitman« aus Strophe 1 im obigen Beispiel noch passable Reime sein mögen, fallen »glitt, wenn« und »Ritt, denn« in der zweiten Strophe unrein aus, und in Vers 10 steht das passende Wort dafür: »gezwungen« sind sie, denn der Dichter erkämpft sich den Gleichklang mit aller Vehemenz.

In einem Brief aus dem Jahre 1936 weist Mynona selbst darauf hin, welche Bedeutung der Reim für ihn hatte: »Ich liebe sie (die Reime) in einer so ungereimten Welt. Sie bedeuten symbolisch, dass sie sich einmal reimen kann.« – Wenngleich dazu manchmal eben etwas Gewalt nötig ist:
Mynona: LIII

Ich stieg zu Pferde just um Mitternacht
Und ritt durch einen malitiösen Wald.
Da regt sich eine weibliche Gestalt
Im holden Zauber der Mondzitternacht.

Sie schien so weiß, als wär sie splitternackt,
Ergreift mich mit magnetischer Gewalt.
Näher jedoch besehen, war sie alt
Und im Gehirne nicht mehr ganz intakt.

Romantisch sagt sie mir: »Ich muss dich küssen!«
»Es hat noch Zeit«, erwidre ich geschwind.
»Nein,« seufzt sie, »es muss auf der Stelle sein!«

Was half's? Galant hab ich nachgeben müssen:
Stieg ab – sie auf – fort ritt sie (wie der Wind)!
Wer möchte wohl in meiner Pelle sein?

Auch in diesem Sonett sind viele Reime gewagt bis schief: »Wald« und »Gewalt« rühren, und während »splitternackt« sich mit viel gutem Willen durchaus auf »Mitternacht« reimen ließe, reimt sich wiederum »intakt« in Vers 8 bloß auf »splitternackt«... Das Empörende: Die technischen Schwächen – auch die Satzumstellungen und bisweilen unsaubere Metrik wären zu nennen – stören kaum, weil sie in den »Hundert Bonbons« meist ohnehin von den inhaltlichen Ungeheuerlichkeiten in den Schatten gestellt werden:
Mynona: XXII

Drei schöne Mädchen tanzen splitternackt
Chopin, Beethoven, Bach und Richard Strauß,
Und in dem propfenvollen Opernhaus
Klatscht bravo man, bis jeder Handschuh knackt.

Aus einer Fremdenloge (wie vertrackt!)
Schaun greise Lebemänner weit hinaus,
Sie schmeißen Lorbeerkränze (ei der Daus!),
Besonders einer fühlt sich tief gepackt.

Er schwingt sein Bein über die Logenbrüstung,
Er will zur Bühne fliegen und verliert
Sein Gleichgewicht; am Frackschoß hält man ihn,

Doch rutscht er aus des Frackes edler Rüstung, –
Er stürzt ins Publikum und ramponiert
Frau Meier tot. (Die Tänzerinnen schrie'n).

Zugegeben, nicht in allen der »Hundert Bonbons« gelingt dem Dichter die Verknappung, bisweilen verläuft sich Mynona ein wenig im Sonett und muss seine Geschichten arg kürzen, um die 14 Verse nicht zu überschreiten. Fast jedes Gedicht jedoch ist mindestens wegen irgendeines Details lesenswert, seien es etwa seltene und seltsame Reime (»Noah / Oh! Ah!«, »Orangerie / Hihi!«, »diensbeflissnen Herrchen / Alfred Kerrchen«, »irr / Brrr!«), einzelne Verse (»Zur Leiche werden, scheint nicht ideal«) oder lakonische Mord-Beschreibungen: »[Er] Macht aus dem Messner 'nen Anachronismus, / Das heißt, er boxt ihn tot«.
Mynona: XX

Der Lehrer Knille prüft die kleinen Schüler;
Wenn sie nichts können, kriegen sie die Rute.
Jähzornig wird er, schreit: »Zur Hölle spute
Sich jeder Dummkopf!« Und er streckt die Fühler

Sondierend aus von Neu'm, ein rechter Wühler:
Sie wissen gar nichts: und voll schnödem Mute
Fasst mit entsetzlich eiseskaltem Blute
Den teuflischen Entschluss (ohne Kalkül) er:

Hervor zieht er sein altes Bowiemesser
Und schneidet langsam einem nach dem andern
Der Reihe nach die Köpfchen von den Hälsen.

Sie halten still, gehorchen dem Professer,
Und ohne Kopf sie fromm nach Hause wandern –
Die Eltern (schmerzerfüllt) erstarrn zu Felsen.

Apropos: Friedlaender verfasste auch ein Büchlein namens »Kant für Kinder«, und diese Überleitung gibt mir die Gelegenheit, auf sein restliches lyrisches Werk hinzuweisen, das nämlich abgesehen von allerlei verstreuten Gedichten, Volkslied-Parodien (»Abendgrün! Abendgrün!«) und wenigen Übersetzungen eben vor allem philosophisch grundiert ist. In den letzten Jahren (er lebte seit 1933 im Pariser Exil) entstanden philosophische Sonette sowie die Langgedichte »ICH-Heliozentrum. Kopernikade in grotesken Elegien« und »Magie in Knittelversen«, die, anders als das folgende abschließende Beispiel-Bonbon, nicht recht in mein Fach fallen.
Mynona: IX

Der Anarchist bewohnt die Zitadelle.
Durch (schade!) ein gerichtliches Versehen
Erhängt man ihn (er kann ja auferstehen!).
Die Braut (am Busen eine Immortelle)

Erklimmt die Mauern, liebliche Gazelle,
(Ihr Seliger verglich sie oft den Rehen):
Elastisch, flink, auf springgelenk'gen Zehen,
Schwingt sie sich kühn in den Bezirk der Wälle.

Doch dort erreichte sie sofort die Strafe;
Man schleppt sie schonungslos ins Fraungefängnis.
Sie intrigiert; sie raubt den Festungsplan;

Hypnotisiert Jedweden einzeln: »Schlafe!«
Gewinnt das Freie; wird des Staats Verhängnis –
Heran braust ein politischer Orkan.

Mynonas »Hundert Bonbons« sind einzigartig in der deutschen komischen Lyrik, am nächsten kommen ihnen wohl die »Kriminalsonette« Friedrich Eisenlohrs, Livingstone Hahns und Ludwig Rubiners sowie vielleicht Ror Wolfs Moritate über Hans Waldmann; die exzentrischen und seltenen Reime tauchen erst wieder bei Peter Rühmkorf auf.

Doch wo und wie lassen sich die »Hundert Bonbons« in Gänze genießen?
Meines Wissens wurden sie zweimal posthum veröffentlicht, nämlich in der (unzuverlässigen) Edition »Die Lyrik Salomo Friedlaender / Mynonas: Traum, Parodie und Weltverbesserung« (1990) und in der vollständigen, aber teuren, von Hartmut Geerken und Detlef Thiel verantworteten Werkausgabe (»Lyrik«, 2014), aus deren ausführlicher Einleitung auch das oben angeführte Reimzitat stammt.
Kostenlos und digital dagegen ist der Gedichtband dank der DNB hier zu lesen.

Sonntag, 1. Januar 2017

Harry Graham (10)

Aus »The World We Laugh In«:
Harry Graham: »Funny!«
(On being asked by an Editor for a
»funny poem«)

»A funny poem?« No, my friend,
   Though loth to set your ardour cooling,
I cannot honestly pretend
To deal in that peculiar blend
   Of literary fooling
Which other bards, for love or money,
Express in verse that's frankly »funny.«

Some enemy of mine, mayhap,
   Has spread abroad this senseless rumour
Which stamps me as the sort of chap
Who keeps, as one might say, on tap,
   A constant flow of humour:
A bright buffoon, of nature sunny,
Who earns his bread by being »funny!«

My art I rather would express
   In lyric ode or tale dramatic
Of lovelorn swain and proud princess,
Of captive damsel in distress
   Locked in ancestral attic,
Of maiden fair with hair like honey
And no pretence to being »funny!«

Or I would sing of babbling brook,
   Of vales where nightingales grow tender,
Of forest groves where nests the rook,
And cuckoos »oo« before they »cuck,«
   'Neath summer's sunlit splendour;
Of verdant swards where basks the bunny –
But even these are far from »funny!«

Bid me compose a stirring song,
   My rhyming lexicon I'll lug out
And tell of how, to right the wrong,
Heroic conscripts, stern and strong,
   Came leaping from their dug-out
And taught the Hun to be less Hunny;
But do not ask me to be »funny!«

Or bid me praise the lads that roam
   The salt sea waves with such devotion
In submarines beneath the foam,
Who seem to feel as much at home
   In the Atlantic Ocean
As monster fish (e.g. the tunny);
But do not ask me to be »funny!«

Implore me, if you must, some day
   To write you verses sad and serious,
A sober, quaint, old-fashioned lay,
A ballad sentimental, say,
   Or tragic and mysterious.
But if you prize my friendship, sonny,
Don't ever ask me to be »funny!«

Samstag, 24. Dezember 2016

Harry Graham (9)


Ob die folgenden Verse im Jahre 1913, als der Band »The Motley Muse« erschien, tatsächlich als besonders zynisch galten, mögen Feiertagssoziologen klären. 
Harry Graham: The Cynic's Christmas
Christmas is here! Let us deck ev'ry dwelling
   With evergreen branches and mistletoe boughs!
With thoughts philanthropic our bosoms are swelling,
           No shadow should darken our brows!
(But, alas! when we're fixing festoons to the ceiling,
   The ladders we stand on are apt to give way,
When a desolate feeling comes over us stealing;
          'Tis hard to be merry and gay!
And it's difficult, too, to feel thoroughly jolly
When painfully punctured by pieces of holly!)

Christmas is here! Let the plums and the suet
   Be mingled once more in ungrudging supplies!
Let the lover of punch hasten swiftly to brew it!
           Make ready a score of mince-pies!
(But, alas! let us not be completely forgetful
   Of how indigestion is fostered and bred,
How a surfeit of food makes the family fretful,
           While alcohol flies to the head;
Lest a fortnight devoted to over-nutrition
Entail a recourse to the nearest physician!)

Christmas is here! Ev'ry mother shall borrow
   Her spouse's best stockings to tie to the cot
Of the baby, who hopes they'll contain, on the morrow,
           Drums, trumpets, and goodness knows what!
(But it's rather a blow when the footwear allotted
   To hang full of goodies and toys through the night,
Is returned to its owner, misshapen and clotted
               With toffee and Turkish Delight;
While a drum is a bore if you constantly thump it,
And life can be poisoned by sounds from a trumpet!)

 Christmas is here! All our nephews and nieces
    Troop happily home to delight us at Yule!
 We rejoice when the holiday season releases
           The inmates of college and school!
 (But perhaps when at dawn they awake us by shouting
    'When Shepherds'—a hymn which they sing out of tune—
 They may furnish some fifty good reasons for doubting
               If holidays are such a boon;
 And even the kindliest relative wearies
 Of constantly answering juvenile queries!)

 Christmas is here! Little children excited
    Make domiciles vocal with shrieks of applause,
 As they ask that the candle-decked fir-tree be lighted,
        In honour of kind Santa Claus!
 (But, alas! for the person of years known as 'riper'!
    By clatter and racket his nerves are unstrung;
 He is followed about, like a second Pied Piper,
          By droves of the clamorous young!
 All in vain does he seek for some haven of quiet;
 No room in the building is free from their riot!) 
Christmas is here! Let us load our relations
    With presents expensive and offerings rare,
 And assume, as we lavish our tips and donations,
         A noble and bountiful air!
 (But, alas! when we've purchased the costliest jewel
    For dear Cousin Jane, and despatched it by post,
 And she sends in return a small mat, worked in crewel,
           And worth eighteenpence at the most,
 Shall we say, recollecting the gift that we bought her,
 'Dear Jane is a trifle more dear than we thought her'?)

 Christmas is here! Let us go serenading,
    In glees and in madrigals raising our voice,
 In the snow of the street, 'neath your windows parading,
          O maidens divine of our choice!
 (But we mustn't forget how our last Christmas carols
    Were spoilt by your parents' inhuman attacks,
 When they brought out their shot-guns and emptied both barrels
            Bang into the smalls of our backs!
 If one justly expects some applause and encoring,
 A ball in the back is excessively boring!)

 Christmas is here! At a season so sprightly
    We banish all thoughts about mundane affairs,
 And attempt to be gay and to smile fairly brightly,
            In spite of our worries and cares.
 (But financial embarrassments mortify most men
    Whose hearts a prognostic of bankruptcy grips,
 When the dustmen and milkmen, policemen and postmen,
           Demand their habitual tips!)
   ·    ·    ·    ·    ·    ·
 Then tell me—and grateful I'll be to you, very—
 Oh, tell me why Christmas was ever called 'Merry'!

Donnerstag, 22. Dezember 2016

B-Seiten 2016, Teil 2

Hier geht's zu Teil 1.


I

2016 war auch das Jahr der naheliegenden, billigen Witze, die – anders als teure, demnächst abgeschaffte Geldscheine – auf der Straße lagen und von mir zu Sonetten zerdehnt wurden:

Nachruf auf den 500-Euro-Schein

500er, du Rätsel! Du Versprechen!
Du roter (oder violetter?) Stern!
Dich liebt die Welt, und mehr als einen Herrn
sah man für dich schon fremde Knochen brechen.

500er, dich haben alle gern!
Nur einer namens Draghi will dich schwächen,
dich (metaphorisch) hinterrücks erstechen:
Doch mir, oh bitte glaub das, liegt dies fern.

500er, du Rätsel (siehe oben)!
Ich komme nicht umhin, dir zu geloben:
Ich möchte ewig deinen Namen nennen.

500er, du schönster aller Scheine!
Bald trägt man dich zu Grabe, und ich weine:
Wir lernten uns doch niemals richtig kennen!


II

Das obligatorische Tiergedicht im naiven Ringelnatz-Ton:

Lied der Hausspinne

Verschont mich!, denn ich bin bloß eine kleine
Erscheinung: das Klischee des Bösewichts,
und geb's ja gerne zu: Ich hab acht Beine.
Doch dafür kann ich nichts.

Ihr liebt mich nicht, wie ihr zum Beispiel Katzen
beziehungsweise Rauhaardackel liebt.
Ihr nehmt halt hin, dass es mich gibt,
und schneidet hinter meinem Rücken Fratzen,

falls ihr nicht gleich zum Handstaubsauger greift.
Ihr seht mich an, als solle ich verschwinden
(was ihr bisweilen sogar wörtlich keift):
Wohin denn? –

Nur nächtens streif ich ohne Furcht umher,
erblick mein Schicksal vor mir. Und beklag es.
Und seufze schwer. Ich säh gern eines Tages
noch das Meer...


III

Bescheidener Beitrag zur Poetik des Limericks
Stilecht holpernd

Jeder Dichter gehört doch gepfählt,
der noch heute den Limerick wählt;
der die Reimregeln nicht kennt,
doch sein Schundwerk Gedicht nennt,
das in Vers 6 zur Pointe sich quält.
(Oder 5? Fuck, ich hab mich verzählt!)


IV

Literaturkritik

Das beste Buch von Heine ist
noch immer das der Lieder.
Es gilt dem Liebchen, die* der
Herr Dichter immer wieder
und häufig kreuzgereimt vermisst.

Der (Wortspiel!) tiefste Text von Hei-
ne übrigens ist auch dabei:
Er handelt von der Loreley.

* Lies: das


V

Ein schreckliches Kind
Übertragung von ›A terrible infant‹ von Frederick Locker-Lampson

Mein Kindermädchen namens Ann
trug mich einmal spazieren und
traf dabei einen jungen Mann,
der küsste sie auf ihren Mund:

Kein bisschen Streit war das Ergebnis!
Ich dacht: »Aha!
Das sag ich, wenn ich's kann, Mama.«

Das war mein frühestes Erlebnis.


Sonntag, 18. Dezember 2016

Harry Graham (8)

Eine Besserwisser-Beschimpfung aus »Familiar Faces«:

Harry Graham: The Man Who Knows

How few of us contrive to shine  
   In ordinary conversation  
As brightly as this human mine  
   Of universal information,  
Or give mankind the benefit  
Of such encyclopædic wit.
 
How few of us can lightly touch  
   On any topic one may mention  
With so much savoir-faire, or such  
   Exasperating condescension; 
Or take so lively a delight  
In setting other people right.
 
Whatever you may do or dream,  
   The Man Who Knows has dreamt or done it; 
If you propound some novel scheme, 
   The Man Who Knows has long begun it; 
Should you evolve a repartee, 
»I made that yesterday,« says he.
With what a supercilious air
   He listens to your newest story,  
As tho' your latest legend were  
   Some chestnut long of beard and hoary.  
»When I recount that yarn,« he'll say, 
»I end it in a diff'rent way.«
 
With a superior smile he caps  
   Your ev'ry statement with another,  
If you have lost your voice, perhaps,  
   He knows a man who's lost his mother; 
If you've a cold, 'tis not so bad  
As one that once his uncle had.
 
Should you describe some strange event  
   That happened to a near relation,—  
Some fatal motor accident, 
   Some droll or ticklish situation,—  
»In eighteen-eighty-eight,« says he,  
»The very same occurred to me.«
Each man who dies to him supplies  
   A peg on which to air his knowledge; 
»Poor So-and-So,« he sadly sighs,  
   »He shared a room with me at college. 
I knew his sister at Ostend.  
He was my father's dearest friend.«
 
If you relate some incident,  
   A trifle scandalous or shady,  
An anecdote you've heard anent  
   Some wealthy or distinguished lady, 
He stops you with a sudden sign:— 
»She is a relative of mine!«
 
When on some simple point of fact  
   You fancy him impaled securely, 
He either smiles with silent tact,  
   Or else he shakes his head obscurely,  
Suggesting that he might disclose  
Portentous secrets, if he chose.
 
But if you dare to doubt his word,  
   At once that puts him on his metal;  
»Your facts,« says he, »are quite absurd!  
   As for Mount Popocatepetl,—  
Of course it's not in Mexico; 
I've been there, and I ought to know!«
 
Or »George, how you exaggerate! 
   It isn't half-past seven, nearly! 
I make it seven-twenty-eight;  
   Your watch is out of order, clearly. 
Mine cannot possibly be slow;  
I set it half an hour ago.«
 
He knows a foreign health-resort  
   Where tourists are quite inoffensive;  
He knows a brand of ancient port,  
   Comparatively inexpensive;  
And he will tell you where to get  
The choicest Turkish cigarette.
 
He knows hotels at which to dine  
   And take the most fastidious guest to;  
He knows a mine in Argentine  
   In which you safely can invest, too;  
He knows the shop where you can buy  
The most recherché hat or tie.
 
If you require a motor-car, 
   He has a cousin who can tell you 
Of something second-hand but far  
   Less costly than the trade would sell you; 
And if you want a chauffeur, too, 
He knows the very man for you.
 
There's nothing that he doesn't know,  
   Except—a rather grave omission—  
How weary his relations grow  
   Of such unceasing erudition,—  
How fervently his fellows long  
That just for once he should be wrong.
 
O Man Who Knows, we humbly ask  
   That thou shouldst cease such grateful labours—  
Suspend thy self-inflicted task
   Of lecturing thine erring neighbours;  
For in thy knowledge we detect  
No faintest sign of Intellect.

Donnerstag, 15. Dezember 2016

B-Seiten 2016, Teil 1

Mäßige bis schlechte Gedichte machen, wenn sie alleine stehen, einen verheerenden Eindruck. In der Masse jedoch fällt manche Schwäche nicht so sehr ins Auge – ein Umstand, den man das Eugen-Roth-Auswahlband-Phänomen nennen könnte.
Na, jedenfalls: Wie 2015 (vgl. hier) folgt an dieser Stelle eine Auswahl meiner unveröffentlichten Gedichte aus den vergangenen Monaten, heuer in zwei Teilen.


I

Teil 1 beginnt mit einem Text aus dem Frühling: Thilo Sarrazin veröffentlichte sein neues Standardwerk »Wunschdenken. Europa, Währung, Bildung, Einwanderung - warum Politik so häufig scheitert«, dessen Themenfelder ich in den folgenden Versen skizzierte:

Sarrazins Wunschdenken
In Reimform gebracht

Das Land zerbricht, der Syrer sticht
und plündert nach Belieben.
Ich bin entsetzt und habe jetzt
ein Buch dazu geschrieben.
Ich zähle zwar auf Ihren Kauf,
doch führ schon mal die Thesen auf:

Europa fällt, da alle Welt
als Flüchtling akzeptiert wird.
Das Ende naht, weil unser Staat
seit Jahren falsch regiert wird:
Doch auf der Seite 108
erklär ich, wie man's richtig macht.

Die Währung wankt, die Wirtschaft krankt,
VW liegt brach: so traurig!
Was Wolfsburg war, wird Kandahar. –
Wen das nicht rührt, bedaur ich.
Sie schätzen Geld so sehr wie ich?
Dann investieren Sie's in mich!

Zur Bildung: Bernd aus Freital lernt
nun nicht mehr richtig rechnen,
denn Ibrahim entwendet ihm
die Zahlen (was ich frech nenn!).
Die Jugend liest heut Böll und Co.
statt Weininger und Gobineau.

Die Migration schlägt unsre schon
bisweilen groben Epen
in Sachen Blut. Nun ist es gut,
wir brauchen eine le Pen!
Statt Merkel, Morus, Bloch: Pegi-
da sei uns Deutschen Utopie!

Mehr steht nicht drin. In diesem Sinn:
Auf dass mein Buch uns rette!
Erstehn Sie's fein in Leinen ein-
gebunden/auf Diskette,
und lesen Sie es ganz genau!
Ich schließe nun mit Grüßen. Ciao.


II

2016 wird bekanntlich in die Geschichte eingehen als das Jahr, in dem die Promis ausstarben. Der folgende Nachruf ist ohne konkretes Ziel, reimt sich aber immerhin ganz schön:

Nachruf auf irgendeinen Komiker

»Wegbereiter«
und so weiter
wurde er genannt,
seit er
Heiter-
keit er-
fand.


III

Kindersonett: Frankreich

Warst du schon ein-
mal in Paris?
Sag, trankst du Wein
und schlucktest Brie und spucktest »Ihh!«?

Franzosen schrein
oft »C'est la vie!« –
was soll das sein?
Verstehst du sie? (Ich tat es nie.)

Saßt du am Meer,
last du Voltaire
und Baudelaire und Weiß-nicht-wer?

(Heißt das nicht -wen?)
und hast du den
Fluss Seine gesehn? So, hast du? Scheen!*

*: Heißt das nicht schön?


IV

Traum

Mir fiel ein Universum aus der Hand:
aus welcher? Spielt hier wirklich keine Rolle,
die Geste war auch keine absichtsvolle.
Es stürzte halt. Mehr ist mir nicht bekannt.

Nur das noch: Als es auf dem Boden lag,
wurd mir mit einem Mal sehr flau im Magen,
und das ist etwas, was ich gar nicht mag.
Was dann passierte, weiß ich nicht zu sagen.

Bloß dies: Das Universum brummte wie –,
ein Mensch? Ein Tier? Nein, mehr wie eine Pflanze.
Es blähte sich zu einem Ball und schrie –,
beziehungsweise schwieg. Das war das Ganze.

Halt stopp, denn ein Kapitel steht noch aus:
Das Universum wuchs, bis es sehr fett war,
und schluckte mich, was nicht besonders nett war.
Ich wachte auf. Und fand nicht mehr hinaus.


V

Ich oute mich an dieser Stelle einmal als FC Bayern München-Erfolgsfan der ersten Stunde; als ca. Siebenjähriger erhielt ich zu Weihnachten ein überdimensionales Heim-Trikot mit Mario Basler-Beflockung, das mir noch im Sportunterricht in der Oberstufe gute Dienste leisten sollte. Das folgende Sonett entstand wiederum einige Jahre später, unmittelbar nach Spielschluss in ca. 15 Minuten und gibt auf diese Weise einen unverfälschten Blick auf meine damalige Gefühlslage:

Zum Champions League-Halbfinal-Hinspiel Atletico Madrid - Bayern München 1:0 (1:0)

Im Fußball wurd schon mancher Held geboren,
selbst Münchner. Nur nicht heute in Madrid:
Obwohl man fast auf Augenhöhe stritt,
hat Bayern dieses Spiel ja doch verloren.

Man hatte sich vermutlich eingeschworen,
und wirkte fit und litt a bit und tritt,
nein, trat. Allein: Es fehlte stets ein Schritt.
Und letztlich fehlte es auch an den Toren.

Denn einer von den Madrilenen traf
(sein Name sei, doch nicht aus Wut, verschwiegen:
Ich zweifle, dass er sich ins Versmaß biegen,

ja schmiegen lässt). Drum bin ich fair und brav:
Madrid verdient den Sieg heut mehr als München.
Man sollte Diego Simeone lynchen.


VI

Und als Abschluss von Teil 1 ein weiteres Fußballgedicht, diesmal aus der diesjährigen Bundesliga-Relegation:

Nürnberg - Frankfurt 0:1 (0:0), 23.5.2016

Tom Bartels ist mein liebster Kommentator,
denn immer wenn ein Tor fällt, ruft er: »Ah, Tor.«,
und wenn gefoult wird, merkt er: »Oh, ein Foul.«

Er kennt zudem fast alle Spielernamen,
und spricht sie häufig richtig aus, denn Paul,
ich mein: Tom Bartels ist der Beste. Amen.

Sonntag, 11. Dezember 2016

Harry Graham (7)

Ein Gedicht aus »Verse and Worse« im Maurice Maeterlinck- bzw. Dorothy Parker-Ton:

Harry Graham: The Pessimist
(After Maeterlinck)

Life's bed is full of crumbs and rice,
   No roses float on my lagoon;
There are no fingers, white and nice,
To rub my head with scented ice
   Or feed me with a spoon.

I think of all the days gone by,
   Replete with black and blue regret;
No comets light my glaucous sky,
My tears are hardly ever dry,
   I never can forget!

I see the yellow dog, Desire,
   That strains against the lead of Hope,
With lilac eyes and lips of fire,
As all in vain he strives to tire
   The hand that holds the rope.

I see the kisses of the past,
   Like lambkins dying in the snow,
The honeymoon that did not last,
The tinted youth that flew so fast,
   And all this vale of woe.

So, raising high my raucous cry,
   I ask (and Fates no answer give),
Why am I pre-ordained to die?
O cruel Fortune, tell me, why
   Am I allowed to live?

Donnerstag, 8. Dezember 2016

Melancholie

An ...
(Übertragung von Samuel Rogers' »To ...« (unten))

Los – nenn mich töricht und so weiter;
vom Trübsinn trennst du mich doch nie.
Ich wär, selbst wenn ich's wollt, nicht heiter,
zu sehr verlockt Melancholie.

Oh, wüsstest du von dem Vergnügen,
das ich durch Seufzerei gewann,
du würdst mich nicht um das betrügen,
was sich kein König kaufen kann.



To ...

Go – you may call it madness, folly;
You shall not chase my gloom away.
There's such a charm in melancholy,
I would not, if I could, be gay.

Oh if you knew the pensive pleasure
That fills my bosom when I sigh,
You would not rob me of a treasure
Monarchs are too poor to buy.

Sonntag, 4. Dezember 2016

Harry Graham (6)

Staubsaugerpoesie aus »Canned Classics«:

Harry Graham: The Vacuum Cleaner (A Poem of Progess)

(»Fond as I am of poetry,« says Mrs. Ella Wheeler Wilcox, the American poetess, »I can truly say that no epic ever impressed me so deeply, or so stirred my heart, as my first sight of a Vacuum Cleaner.«)

Though Swinburne may sing like a siren,
   And Tennyson trill like a thrush,
Though bachelors rave about Byron,
   And girls over Longfellow gush,
No epic that critics can write of
   Supplies a delight that is keener
Than that which I daily obtain from the sight of
                  A Vacuum Cleaner!

While lovers of music assemble
   Each night at the Opera House,
To shudder, to thrill, or to tremble
   At discords provided by Strauss,
Such orgies I savour the joys of,
   At home, 'mid surroundings serener,
Where daily I hear the Elektra-like noise of
                 The Vacuum Cleaner!

The hedges with blossoms are laden,
   The sunshine is bright up above,
And spring to the youth and the maiden
   Gives promise of laughter and love;
While birds, more triumphantly singing,
   In meadows and woods growing greener,
Announce to us elders that April is bringing
                 The Vacuum Cleaner.

Though Time of »Old Masters« denude us,
   Though Strangers our treasures annex,
Though frauds and impostures delude us,
   And counterfeits pain and perplex,
No fate that of Art would bereave us
   Can ruffle our placid demeanour,
So long as Dame Fortune is willing to leave us
                 The Vacuum Cleaner!