Sonntag, 30. Oktober 2016

Harry Graham (1)

Dass der britische Dichter Harry Graham heute vor 80 Jahren starb, muss man nicht unbedingt wissen. Weil mittlerweile allerdings schon weitgehend vergessen ist, dass Graham überhaupt lebte (und wie großartig er schrieb), möchte ich den Jahrestag nutzen und erneut und immer wieder und vehement auf ihn aufmerksam machen (siehe auch die aktuelle Titanic-Humorkritik): Von nun an werde ich jeden Sonntag ein Gedicht Grahams posten, bis die englischen Verleger ihm endlich die verdiente Gesamtausgabe geben – das sollte innerhalb der nächsten 80 Jahre doch zu schaffen sein. (Dies ist nebenbei auch eine einfache Möglichkeit, um den Blog zu füllen.)

Wer direkt in Grahams Büchern stöbern möchte, dem empfehle ich Archive.org, wo manche seiner Gedichtbände abrufbar sind. Zudem sei die einzige posthume Auswahlausgabe, »When Grandmama fell off the Boat«, lobend erwähnt. Wer deutsche Nachdichtungen bevorzugt, kann zu H.C. Artmanns Übersetzungsversuchen in »Herzlose Reime für herzlose Heime« greifen. Muss aber wirklich nicht.

Den Anfang macht jedenfalls das Gedicht »The Linguist« aus dem Band »Canned Classics« (1911), das in der letzten Strophe einen der schönsten Reime aller Zeiten zu bieten hat:
Harry Graham: The Linguist

During the German Emperor's recent visit to Brussels Baron de Haulleville, Director of the Congo Museum, was presented to His Majesty. The Kaiser »spoke at length with the Baron in French, German, and English,« says the Daily Mail.

»Guten Morgen, mon ami!
Heute ist es schönes Wetter!
Charmé de vous voir ici!
Never saw you looking better!«

»Hoffentlich que la Baronne,
So entzuckend et so pleasant,
Ist in Brussels cet automne.
Combien wunsch' ich she were present!«

»Und die kinder, how are they?
Ont ils eu la rougeole lately?
Sind sie avec vous to-day?
J'aimerais les treffen greatly.«

»Ich muss chercher mon hotel.
What a charming schwätzerei, sir!
Lebe wohl! Adieu! Farewell!
Vive le Congo! Hoch der Kaiser!« 

Montag, 17. Oktober 2016

Tröstliches zum Reimmangel

Frage: Was reimt sich auf (beispielsweise) Liebe? Antwort: zu wenig.
Immerhin stellt auch die wesentlich reimfreundlichere englische Sprache ihre Dichter vor gewisse Probleme, wie Harry Graham in seinem 1924 erschienenen Band The world we laugh in berichtet:

Harry Graham: Love's Handicap
From the earliest days,
Ev'ry writer of lays
   Has delighted to sing about Passion;
But of rhymes there's a dearth
For the Briton by birth
   Who would follow this popular fashion.
For though Love is a theme
That we poets esteem
   As unrivalled, immortal, sublime too,
'Tis a word that the bard
Finds it daily more hard
   To discover a suitable rhyme to!
For one can't always mention the "stars up above,"
Ev'ry time that one talks about Love!

When the French troubadour
Wants to sing of l'amour
   No such lyrical fetters restrain him;
And when making la cour
To his mistress, chaqu' jour,
   There's no famine of rhyme to detain him.
He'll describe, sans détours,
How as soft as velours
   Is her hand, and her voice like a fiddle;
How they ate petits fours
Till she cried: "Au secours!"
   When his arm went autour of her middle!
And there's no need for him to refer to her "glove,"
Just because he's discoursing on Love!

The Venetian signor
Who discusses l'amor'
   To his lady-love's balcony climbing,
As he presses her fior'
To his bosom (al' cuor')
   Has no trouble at all about rhyming!
When with frenzied furor'
And such fervent calor'
   He suggests her becoming his sposa,
What for him does the trick
Is that rhymes are as thick
   As the leaves upon fair Vallombrosa;
And he never need liken his dear to a "dove,"
Ev'ry time that he sings about Love!

'Tis the absence of rhymes
That inclines me, at times,
   To renounce any mention of Cupid,
And, instead, to write odes
To (say) skylarks or toads,
   Though it may seem faint-hearted or stupid.
For it's easy to sing
Of the sunshine or Spring,
   And of Pan (or some mythical person),
But to find a fresh rhyme
For the Passion sublime
   That we bards are supposed to write verse on –
Well, I'm tempted to give the whole question "the shove"
And to sing no more songs about Love!

Montag, 12. September 2016

Reich-Ranicki zum Vergnügen

Im November erscheint bei Reclam mit ›Rühmkorf zum Vergnügen‹ ein Auswahlbändchen, das ausnahmsweise seine Berechtigung hat: Nicht nur veröffentlichte der »Gigant« (Heinz Strunk) Peter Rühmkorf selbst einen Gedichtband namens ›Irdisches Vergnügen in g‹, er war auch überdies und -haupt ein Schriftsteller, bei dem die komischen Sätze nicht mit der Lupe gesucht werden müssen. Ich nehme zumindest an, dass die Herausgeber von ›Fontane zum Vergnügen‹ oder ›Marx zum Vergnügen‹ sich etwas länger durch die jeweiligen Werkausgaben zu quälen hatten, bis die reihenüblichen knapp 200 Seiten gefüllt waren.

Vermutlich wird sich nichts aus dem Rühmkorfschen Briefwechsel mit Marcel Reich-Ranicki im Reclam-Büchlein finden, was einerseits betrüblich ist, andererseits aber durch den Umstand gemildert wird, dass die gesammelte Korrespondenz immerhin im letzten Jahr bei Wallstein erschienen ist. Rühmkorf befindet sich in dem 287 Briefe langen Austausch fast durchgehend in der Defensive: Ab 1974 soll er Texte liefern für das von Reich-Ranicki betreute FAZ-Feuilleton (insbesondere für die ›Frankfurter Anthologie‹), die er zunächst auch brav verfasst. Mit der Zeit jedoch erbittet er immer neue Rezensionsexemplare, denen er keine Kritik/Interpretation folgen lässt. So weit, so Redaktionsalltag, und Rühmkorfs Briefe selbst bieten obendrein auch nur selten Anlass zum Lachen. Komisch dagegen sind die unablässigen Missverständnisse zwischen beiden und Rühmkorfs Arbeitseinstellung, die dem angehenden Literaturpapst zusehends auf die Nerven geht. Der schreibt im Oktober 1978:
»Mein lieber Peter Rühmkorf,
so geht das nicht weiter. Sie liefern nichts, kommen mit immer neuen Vorschlägen, denen wiederum immer neue Ausreden folgen. [...] Wie lange sollen wir noch warten? Warum sind Sie so faul? [...] Sie wünschten Theramé ›Die Taxifahrerin‹. Vermutlich handelt es sich um irgendeine Sauerei, die Sie inzwischen schon genossen haben, ohne an Ihrem Genuss die Leser unserer Zeitung teilnehmen zu lassen.« (S. 96)

Die Jahre vergehen, doch Rühmkorf bessert sich nicht, im Gegenteil, er treibt den Kritiker 1983 vollends zur Verzweiflung, als er sich Arno Schmidts einleitendes Gedicht aus ›Das steinerne Herz‹ zur Besprechung für die ›Frankfurter Anthologie‹ aussucht [es handelt sich um das Widmungsgedicht ›Nicht nur / die allerorten, bei jeder Gelegenheit...‹, das nur in der Erstausgabe enthalten war]. Reich-Ranicki nimmt den Vorschlag erst an, um alsbald hektisch zu widerrufen: Die Gedichte dieser Rubrik durften seinerzeit eine Länge von 30, maximal 36 Zeilen nicht überschreiten, das fragliche Werk umfasst aber beinahe 60 Verse. Rühmkorf wittert politische Gründe hinter der Zurückweisung und hält Reich-Ranicki vor, während eines Telefonats doch sogar das Buch aus dem Regel geholt sowie die Länge des Gedichts geprüft und abgenickt zu haben. Die Antwort fällt ungehalten aus:
»Und ich habe während des Gesprächs tatsächlich die Zeilen gezählt. Ich kam auf 28 Verse, und das ist ja ein für unsere ›Frankfurter Anthologie‹ zulässiger Umfang [...]. So habe ich das Gedicht, wie fast alle Ihre Vorschläge, gern akzeptiert. Ich bin nicht auf die Idee gekommen, dass das Gedicht auf der nächsten Seite noch weitergeht [...].« (S. 163)

Einen Brief später sieht Reich-Ranicki sich zum Stoßseufzer genötigt:
»Sie waren doch früher, wenn ich mich recht erinnere, ein durchaus praktischer Mensch. Hat die jahrelange Beschäftigung mit der holden Dichtkunst auf Ihren Realitätssinn einen ungünstigen Einfluss ausgeübt?« (S. 168)

Gut möglich. 1995 kommt es jedenfalls wegen geteilter Meinungen zu Günter Grass und dessen Roman ›Ein weites Feld‹ zum Bruch zwischen beiden, Reich-Ranicki schweigt betrübt über Vorwürfe des Dichters, und fünf Jahre verstreichen, bis Rühmkorf ein gereimtes Versöhnungsangebot nach Frankfurt schickt: »Gestatten einen Lungenzug / aus langer Friedenspfeife. / Fünf Jahre Fehde sind genug, / wie ich die Welt begreife.« (S. 233)
Der stolze Kritiker nimmt nur unter einer Bedingung an:
»Ich erwarte nicht, dass Sie zurücknehmen, was Sie damals verzapft haben. Nur sollten Sie jetzt etwas über meine Arbeit schreiben [...]. Kommt ein solcher ernster Artikel aus Ihrer Feder, dann will ich nicht etwa vergessen, doch immerhin verdrängen, was Sie mir angetan haben.« (S. 235)

Rühmkorf kuscht, Reich-Ranicki fühlt sich vom nämlichen Artikel »berührt und gerührt«, und doch ist die Luft raus, der Briefwechsel versiegt zusehends und endet schließlich im August 2006.
Vier Bonus-Beobachtungen: 1.) Rühmkorf schrieb in den Siebzigern Robert Gernhardts Nachnamen konsequent ohne T., Reich-Ranickis Sekretärin übernahm den Fehler nach einigen Briefen. 2.) Ich habe zwar zu Grundschulzeiten den undankbaren vierten Platz bei einem kreisweiten Plattdeutsch-Vorlesewettbewerb belegt, verstehe aber heute kaum mehr ein Wort dieser Sprache und freue mich also umso mehr über die wohldosierten Anmerkungen der Herausgeber, die so hübsche niederdeutsche Worte wie »Bönhase« (Pfuscher) oder »wurachen« (schuften), die Rühmkorf verwendet, erklären. 3.) Reich-Ranicki traute seinen Lesern die Kenntnis lyrischer Grundbegriffe nicht zu und bat Rühmkorf daher, die Termini Klinggedicht und männliche Kadenz (»Sie [die Leser] glauben wahrscheinlich, es handle sich um einen Körperteil.«) aus seiner Interpretation von Brechts ›Fragen‹ zu streichen. 4.) Rühmkorf verfügte offenbar über ein beträchtliches Ego (oder großen Durst), wie sich aus einem Brief Reich-Ranickis an den Chef vom Dienst der FAZ aus dem Jahre 1981 rekonstruieren lässt: An einige Mitarbeiter hatte Reich-Ranicki »aus Anlass der Weihnachtsfeiertage« sechs Flaschen Sekt geschickt, jedoch:
»Ein sehr wichtiger Mitarbeiter, der indes nicht bedacht war, hat es erfahren und ist drauf und dran, uns zu grollen, weil wir ihn vergessen haben. Kurz und gut: ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie die Güte hätten, die Verschickung noch eines Kartons mit 6 Flaschen Henkell Trocken anzuweisen an: Peter Rühmkorf.« (S. 134)

Dienstag, 26. Juli 2016

Ein Schüttelreim

Hegel in finanziellen Schwierigkeiten

»Sag mir, lieber Weltgeist,
was du über Geld weißt!«


Apropos Weltgeist: Ein Lob der Paywall.

Donnerstag, 7. Juli 2016

EM-Sonett VI

EM-Sonett VI
Lied des Kommentators: Deutschland - Frankreich 0:2 (0:1)


Was nützt's, dass ich den Gegner an die Wand spiel
mit feinen Pässen und dem ganzen Rest,
dass meine Abwehr ungeheuer presst;
wenn Schweini sich vergreift: Elfmeter (Handspiel)?

Was nützt es ferner, dass ich dominant spiel?
Das Schland-Spiel: insgesamt so sattelfest;
wenn man den Gegner Tore schießen lässt?
Ey Stürmer, dribbel nicht nur elegant, spiel!!!

Wir waren einst die Heimstatt der Genies, Mann!,
von Goethe, Schiller, Heine, Olli Kahn.
Jetzt warf ein Team mit Hahn uns aus der Bahn.

Der Mann des Spiels nicht Müller, sondern Griezmann.
Die Welt ist schlecht und aus dem Himmel weint's.
Und morgen geht mein Flugzeug Richtung Mainz. :-(

Sonntag, 3. Juli 2016

EM-Sonett V

EM-Sonett V
Deutschland - Italien 7:6 (1:1, 0:0) n. E.


Kennst du das Land, das die Elfmeter in
die Wolken schoss und/oder Neuers Hände?
Das hinten stand, als ob das Glück dort stände;
und hinten stand das Glück auch zu Beginn,

doch nicht am Ende.
Denn wenn ich richtig unterrichtet bin,
verlor das Land ja doch. Dahin, dahin
die Hoffnung. Schließlich jubelte der Fan (DE).

Kennst du das Land, das nun zum ersten Male
(denn Hectors Schüsslein war der Schicksalsschlag)
den Deutschen, da es zählte, unterlag?

Jetzt ist gleich mit dem Viertel- schon finale.
Kennst du das Land der völlig Titelfernen?
Du kennst es nicht? Du wirst es – Quatsch, du hast das Spiel ja wohl gesehen und das Land
                 folglich spätestens da kennengelernt, zumal es auch noch in der Überschrift genannt
                 wird. Ich entschuldige mich für die Frage.

Sonntag, 26. Juni 2016

EM-Sonett IV

Europameisterschafts-Sonett IV
Ein Bericht von der Fanmeile: Deutschland - Slowakei 3:0 (2:0)

Das 1:0 fiel früh und klebte mir
(man warf mit Bechern) lange in den Haaren.
Ich möchte mir ein Elfer-Urteil sparen,
denn da erstand ich grad ein neues Bier.

Ich konnte bloß aus zweiter Hand erfahren,
dass Özil ihn verschoss, doch c'est la wir
(das ist ein Wortspiel!) führten bald mit vier
und fünf zu null, weil wir die Bessren waren.

Sonst weiß ich nicht mehr allzu viel vom Spiel.
Obwohl: Ich trank vom Fass, nicht aus der Lethe!
Doch fast so elegant wie Draxler drehte

sich alles um mich rum. Ich c'est la fiel,
und sah mich die EM-Trophäe heben.
Ich höre auf, ich muss mich übergeben.*



*: Leihvers von Hermann Hesse.

Dienstag, 21. Juni 2016

Europameisterschafts-Sonett III

Europameisterschafts-Sonett III
Seufzer nach Nordirland - Deutschland 0:1 (0:1)


Einen Lobgesang auf Kimmich,
Gomez und so weiter stimm ich
nicht (das Spiel lief schließlich grimmig*)
                                           an:

Dass nicht alles klappt, verstehn wir,
in die nächste Runde gehn wir:
Ob sich dort was bessert, sehn wir
                                       dann.

Tore, nicht bloß hübsche Haken,
müssen gegen die Slowaken**
                                   ran***.

Was von nun an zählt, sind Siege:
Wo man gegen die**** doch nie***** ge-
                                        wann...


*: Das stimmt zugegebenermaßen nicht so ganz, aber finden Sie mal einen vernünftigen dritten Reim auf -immig!
**: Oder Albaner.
***: Bzw. her.
****: Die Slowaken, nicht die Albaner.
*****: Lies: vor einigen Wochen (vgl. hier) nicht.

Freitag, 17. Juni 2016

Europameisterschafts-Sonett II

Europameisterschafts-Sonett II:
Durchhalteparolen nach Deutschland - Polen 0:0


Welch Wahnsinns-Match! O Offensiv-Lawine!
Die Pässe: fein, das Stellungsspiel: famos,
die Schüsse: zahlreich. Ja, es war was los,
beim Sieg Nordirlands gegen Ukraine.

Naturgemäß verblasst da das Gekroos
der Deutschen, die mit unbewegter Miene
und einem 0:0 in die Kabine
verschwanden. Draußen Buhs statt Ahs und Ohs.

Zu sehn, wie Götze durch den Strafraum irrt,
kann keinem Kenner ernstlich Spaß bereiten.
Jedoch: Es kommen wieder bessre Zeiten;

ob sie auch murkste: Jogis Mannschaft wird
statt in die Hose nach dem Titel greifen:
Drum wende dich nicht ab, nein, bleib dabei, Fan!

Sonntag, 12. Juni 2016

Europameisterschafts-Sonett I

Europameisterschafts-Sonett I: 
Deutschland - Ukraine 2:0 (1:0)

Der Abend ging dahin wie die Passanten:
Um 21 Uhr begann das Spiel.
Bekriegsflaggt lag die Innenstadt von Lille,
da die Heroen Richtung Rasen rannten.

Pathetische Metapher: Herzen brannten.
Ein Sieg der Deutschen war das deutsche Ziel,
was, als ein Freistoß auf Mustafi fiel,
auch alle Ukrainer jäh erkannten.

Dann traf Khedira nicht, und Boateng
beinah ins eigne Tor. Das Spiel blieb eng,
bis Schweini trat, was Gott sei Dank der Ball war.

Ein Pfiff. Vorbei. Von Rängen drang Geschrei,
dass Deutschlands Elf die allergrößte sei:
Was, wenn man richtig hinsah, nicht der Fall war.


Nachtrag vom 13.6.: Kein gutes Gedicht, aber das passt ja zum Spiel. Die metrischen Ungenauigkeiten spiegeln die holprige erste Hälfte wider, die drei redundanten was-Konstruktion symbolisieren die ideenlosen Angriffsbemühungen.