Montag, 11. Juli 2016

Der Albatros

Nachdem die EM endlich vorbei ist und alle Fußballgedichte geschrieben sind: erst- und vermutlich auch schon letztmalig etwas Hochkultur auf diesem Blog. Das Gedicht habe ich vor ca. zwei Jahren übersetzt, als ich der französischen Sprache noch wehrloser gegenüberstand als heute und also nicht erkannte, dass es sich eigentlich um alexandrinische Verse handelt: Ich orientierte mich an anderen deutschen Übertragungen (z. B. an der von Stefan George), in denen die originale Form ignoriert wird; und weil ich noch heute einigermaßen zufrieden mit meiner Version bin, habe ich jetzt keine Lust mehr aufs nachträgliche Silbenauffüllen.


Der Albatros (Baudelaire-Übertragung: L'Albatros)

Oft fangen, zum Vergnügen, die Matrosen
sich Albatrosse auf dem Ozean,
die ziehen um das Schiff im ausdruckslosen
Begleitflug träge kreisend ihre Bahn.

Kaum stellt man sie im Bauch des Schiffs auf Planken,
dann stehn sie, Könige des Blaus, so schwer,
mit weißen Flügeln, die zur Seite sanken,
und schleppen sie wie Ruder hinterher.

Der Reisende: wie schwächlich und blamabel!
Einst edel, wird er nun mit Hohn bedacht!
Mit Tabakpfeifen kratzt man ihn am Schnabel
und imitiert den lahmen Gang und lacht!

Der Fürst der Wolken ähnelt dem Poeten,
der Krieg führn kann und Stürme überstehn.
Muss er, verbannt, ins Volk, das spottet, treten,
so hindern seine Flügel ihn am Gehn.

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